Episode #001: Die (Ohn)macht der Manipulation – wie selbstbestimmt ist unser Leben?

„Gedanken zur Menschlichkeit“ ist ein philosophischer Podcast mit Annette Müller, die von Medienprofi Falk S. Al-Omary interviewt wird. Der Podcast möchte bewusst Kontroversen schaffen und neuen Gedanken abseits des Mainstream Raum geben.
Heute sprechen wir darüber, wie stark wir uns von außen manipulieren lassen und welche Mittel und Wege es wieder zurück in die Selbstbestimmtheit gibt.

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Hier können Sie diese Podcastfolge nachlesen:

Die (Ohn)macht der Manipulation – wie selbstbestimmt ist unser Leben?

Die Evolution lehrt uns, dass nur der optimal Angepasste in der Natur überlebt. Doch wie angepasst müssen und dürfen wir Menschen in unserem Geist sein, damit Menschlichkeit wieder Einzug hält in unsere Unternehmen und unser Verhalten? Diskutieren Sie gedanklich mit, wenn die Publizistin und Bewusstseins-Evolutionärin Annette Müller sich im philosophischen Diskurs mit ihren Gesprächspartnern Gedanken zur Menschlichkeit macht und Antworten auf die dringenden Fragen der Zeit gibt.

Annette Müller: Wir als Menschheit und als Einzelpersonen sind, wie gesagt, interdependent. Das heißt, wir sind keine Insel. Und wir können nicht hundertprozentig selbstbestimmt unser Leben führen, weil wir ja immer im Austausch mit anderen stehen. Die Macht der Manipulation. Wie selbstbestimmt ist unser Leben? Ist es überhaupt selbstbestimmt? Frage: Was treibt uns?

Falk Al-Omary: Das ist in der Tat die Frage, ob es selbstbestimmt ist, weil wir im Grunde den ganzen Tag bestimmte Meinungen vorgegeben bekommen. Die öffentliche Meinung ist weitgehend gleich. Wenn ich diverse Zeitungen lese, Nachrichten höre, dann kriege ich die Bewertung der Information in ähnlicher Weise übergestülpt und bekomme sie fertig serviert. Ich bin in einem Wirtschaftssystem eingebunden, in dem ich auf irgendeine Art und Weise liefern muss, was auch immer: eine Leistung oder Geld an den Staat in Form von Steuern. Ich bin eigentlich den ganzen Tag in einem Korsett. Und dieses Korsett nennt sich dann Leben.

Müller: Was sich meiner Meinung nach wirklich komplett unmenschlich anhört. Also das Gegenteil von Menschlichkeit. Meiner Meinung nach werden wir wirklich ganz stark manipuliert. Und zwar, um genau dieses Leben zu führen, was du jetzt beschrieben hast. Das ist natürlich zutiefst frustrierend. Was uns da die alten Meister lehren, ist innezuhalten und achtsam zu sein, das erst einmal zu erkennen und dem Gefühl nachzugeben. Und wirklich nachzudenken: „Okay, was mache ich hier eigentlich wirklich? Wie sieht das aus? Wie geht es mir damit?“ Das ist keine einfache Situation und auch keine einfache Geschichte.

Al-Omary: Gut, einfach ist ja gar nichts. Ich bin selber Unternehmer und für mich ist Leistung ein ganz wichtiges Thema. Zusagen halten. Ein Mann, ein Wort. Ich habe Verantwortung. Der will und muss ich in irgendeiner Art und Weise gerecht werden. Jetzt ist die Frage, ob das schon ein manipulatives Korsett ist, weil mein Wertekanon mir irgendwann mal in die Wiege gelegt wurde, oder ob man sich davon befreien kann und man sich überhaupt davon befreien sollte, weil am Ende ja auch solche Begriffe wie Ethik eine Rolle spielen. Das hat immer etwas Kollektives, etwas Gesellschaftliches. Und da hat natürlich auch jeder seine Funktion zu erfüllen. Und vielleicht ist, im Sinne einer Gesamtgesellschaft, eines Kollektivs, eine gewisse Manipulation ja sogar wünschenswert.

Müller: Dem kann ich jetzt nicht ganz folgen. Wieso ist eine gewisse Manipulation wünschenswert? Ich bin so. Und ich habe einen revolutionären Geist. Und wenn ich das höre, dann gehe ich gleich auf die Barrikaden.

Al-Omary: Naja, den habe ich auch und lasse mir auch ungerne was sagen. Und ich bin im Grunde immer froh, wenn ich wenig mitbekomme von Gesellschaft und von Bürokratie und von „ich muss“. Das lehne ich immer radikal ab. Aber die Frage ist ja auf so einer Metaebene: Braucht nicht eine Gesellschaft, um als Ganzes zu funktionieren – ob ich das jetzt Staat nenne, Nation nenne, Volkswirtschaft nenne, wie auch immer ich es definieren möchte – braucht es nicht einen gemeinsamen Wertekanon? Und muss ich nicht Menschen, die sich abseits dieses Kanons bewegen, wenn es Extremabweichungen sind, auch irgendwo zurückholen? Ich sage bewusst jetzt nicht „manipulieren“ oder „wieder einzäunen“. (Müller: Einfangen!) Ja, vielleicht auch einfangen. (Müller: Einfangen, einfangen!) Ja, also braucht nicht eine Gesellschaft, um zu überleben als Kultur, als Gesellschaft, als Gemeinschaft, ein Stück weit dieses Korsett? Das ist auch eine Frage, die ich mir stelle. Ich selbst würde das immer ablehnen. Ich bin Freigeist und ich will das im Grunde nicht. Aber ich treffe jeden Tag auf hunderte Menschen, die sagen: „Ich fühle mich da gar nicht manipuliert oder indoktriniert. Nein, ich finde das ganz großartig so, denn es ist ja für uns alle.“

Müller: Also ich denke, dass es ein bequemer Weg ist, das eben nicht zu spüren. Und viele Menschen unterdrücken ja auch ihre Gefühle. Und sie unterdrücken ihr Leid und gehen weg. Aber eine Gesellschaft kann nur so gesund sein, wie die einzelnen Mitglieder sind. Wenn die einzelnen Mitglieder krank sind, haben wir eine kranke Gesellschaft. Es sind Menschen, die Gesellschaften lenken, die bestimmte Gesetze durchwinken, die die Zukunft bestimmen von ganz vielen Menschen. Und von denen sind wir abhängig. Das ist ganz wichtig. Und da brauchen wir, meiner Meinung nach, auf dieser Seite schon sehr viel Menschlichkeit. Nur können wir die nicht erreichen. Also müssen wir immer gucken: Wo sind wir? Und dem auch wirklich nachgehen und nachspüren, für uns eine Lösung finden und suchen. Und das ist ganz wichtig. Patentlösungen gibt es überhaupt nicht. Aber es ist definitiv so, dass uns die fernöstlichen Lehren Möglichkeiten an die Hand geben, uns durch unser Leid selbst zu finden. Das ist unangenehm aber es ist so.

Al-Omary: Darüber würde ich gerne ein bisschen mehr erfahren. Wie tun das denn die fernöstlichen Gesellschaften, die ja in der Tat, mal abgesehen von China und deren Ökonomie und ihrer gelenkten Demokratie … Aber es gibt ja in der Tat viele Weisheiten, die wir im Westen bewundern, nach denen wir aber überhaupt nicht leben. Sind die zeitgemäß? Passen die in eine durchökonomisierte, westliche Gesellschaft?

Müller: Also, in dieser Form, in der unsere Gesellschaft im Moment ist, passen die überhaupt nicht hier rein, weil sie ganz viel ändern würden. Wenn das jeder machen würde … Aber sie lehren uns trotzdem Auswege. Und zwar, sich eben nicht fangen zu lassen von bestimmten Begebenheiten. Also sich nicht fangen zu lassen von eben diesen Werten, ich sage mal falschen Werten. Sich ausschließlich zu definieren über das Äußere. Was kommt vom Äußeren zurück? Sondern eben zuzusehen, dass man in bestimmten anderen Gedankengängen Auswege findet. Was wir ja im Prinzip alle wollen, ist Glück zu empfinden. Ja. Ist Freiheit zu empfinden. Ist Freude zu empfinden. Ist Spaß zu empfinden. Das Leben soll Spaß machen. Das ist, meiner Meinung nach, wirklich eine der wichtigsten Grundlagen überhaupt, dass wir ein Leben führen, das Spaß macht, in dem die Menschlichkeit auch wirklich zu finden ist, in dem die Menschlichkeit zum Tragen kommt, in dem der Mensch sich ausdrücken kann, in dem der Mensch etwas leistet. Aber etwas leistet, was nicht dazu führt, dass wir uns noch mehr verstricken in dieses „Hamsterraddasein“, welches dann irgendwann nur auf dem Friedhof endet. Dass man auch wirklich andere Menschen mitnimmt auf einem guten Weg. Und das ist ganz schwierig. Es ist schwierig, wenn ein Zug oder eine Gesellschaft oder etwas anderes, erst Fahrt aufgenommen hat, das wieder zu stoppen. Aber es gibt Möglichkeiten. Und die hat jeder einzelne von uns in der Hand.

Al-Omary: Gut, wenn ich jetzt nur an Fernost denke und schaue jetzt nicht in Richtung Altweisheit, sondern auf die heutige Realität, dann … Die größten Hamsterräder stehen in Südkorea und in Japan und in China, die ja noch viel mehr auf Leistung, auf Output, auf Funktionieren, auf Kollektivismus hin agieren.

Müller: Das wollte ich vorhin auch sagen und anmerken, dass wir jetzt nicht in die moderne Gesellschaft blicken müssen. Sondern wir müssen uns wirklich an den alten Philosophien orientieren. Ja, an den alten Lehren orientieren. Und nicht an dem, was dort jetzt ist, weil das was dort jetzt ist … Das was hier nicht sein darf, wird nach dort verlegt, weil es dort sein darf, zum Beispiel wenn wir hier Umweltbestimmungen haben, dass wir etwas nicht vergiften dürfen, darf man das da drüben machen. Das dürfen wir so einfach nicht sehen. Sondern wir müssen zu den alten Meistern schauen und uns diese Lehren ansehen und das, was sie uns sagen.

Al-Omary: Jetzt ist der Untertitel der Episode ja: „Wie selbstbestimmt ist unser Leben?“ Und für mich stellt sich die Frage: Wenn wir davon ausgehen, dass wir durch unseren Kulturkreis, durch unsere Art des Wirtschaftens manipuliert sind und werden, wie kriege ich dann mehr Selbstbestimmung hin? Zumindest ein bisschen. Das, was wir individuelle Freiheit nennen und was sich vielleicht in meinem BMW X5 oder meinem Audi Q7 ausdrückt … Aber da muss es doch noch mehr geben.

Müller: Wenn man in einem BMW oder in dem Q7 ein Statussymbol sieht, ist das oberflächlich. Wenn man aber in einem BMW oder in einem Q7 sieht, was der Mensch leisten kann, was er für eine Qualität hervorbringen kann, wenn man es also anders betrachtet, dann bekommt es eine ganz andere Qualität. Wenn man seine eigene Leistung anders betrachtet, dann bekommt die eine andere Qualität. Wir haben hier, bei diesen Autos zum Beispiel, eine hervorragende Qualität. Und darin drückt sich das Ganze, also das, was ein Mensch oder die Menschheit schaffen kann, aus. Wenn man beispielsweise eine tolle Architektur sieht … Die wurde auch von Menschen geschaffen. Das ist Qualität. Da drückt sich das aus, was Menschen schaffen können. Wenn man das so betrachtet, bekommt es einen anderen Wert. Dann ist es nicht nur ein Statussymbol.

Al-Omary: Jetzt kann mich ja die Fertigungstiefe meines Autos zutiefst beeindrucken. Und ich kann sagen: „Es ist ganz wunderbar, dass Menschen zu solcher Ingenieurskunst, zu solchem Handwerk, zu solcher Ästhetik in der Lage und fähig sind.“ Darüber kann ich mich wahnsinnig freuen. Dennoch bleibt das Auto ja ein Wert, der auch Umweltschäden verursacht, der in einer globalen Wertschöpfungskette eingebunden ist, die wiederum negative Folgen haben kann. Wie du am Anfang sagtest: „Eigentlich ist das schon Teil der Manipulation.“ Also, allein mein Perspektivwechsel auf die Schönheits- und Ingenieurskunst bewirkt noch keinen Wandel in meinem Verhalten, verhindert nicht die Manipulation.

Müller: Man kann sich alles schlechtreden. Das kann man.

Al-Omary: Man kann sich aber auch alles schönreden.

Müller: Man könnte sich alles schönreden, natürlich. Aber mit dem Schönreden geht es einem besser als mit dem Schlechtreden, oder?

Al-Omary: Das ist, glaube ich, sehr individuell. Ich denke, dass es vielen auch bessergeht, wenn sie sich die Dinge schlechtreden, weil am Ende schlechte Dinge vielleicht eher eintreten. Wenn die Grundthese ist, dass uns unsere Ökonomie in der Form, wie wir sie jetzt leben, unfrei macht oder, ja, dass sie in letzter Konsequenz unmenschlich ist, uns entmündigt, dann stellt sich doch die Frage: Was kann ich an meinem Verhalten konkret ändern? Und damit meine ich jetzt nicht, weniger Diesel zu fahren. Das wäre mir, ehrlich gesagt, eine zu profane Antwort. Sondern: Wie kann ich denn in ein anderes Potenzial kommen, wirklich einen Sinn stiften, Wertschöpfung betreiben und so einer Manipulation entgehen? Deine Grundthese ist ja, dass diese ökonomisierte Gesellschaft uns am Ende irgendwie manipuliert. Weil wir in ihr funktionieren müssen. Weil wir Geld verdienen müssen, um unser selbstbestimmtes Leben zu führen. Jetzt nimmst du mir und allen Menschen die Illusion und sagst: Ihr seid gar nicht selbstbestimmt, weil ihr genauso handelt. Dann denke ich: Um Gottes Willen! Jetzt ist meine ganze Selbstbestimmung nur noch eine Illusion.

Müller: Richtig. Die fernöstlichen Philosophien lehren: Im Prinzip ist alles eine Illusion. Das ganze Leben ist eine Illusion. Aus dem Grund hat man es auch selbst in der Hand, ob es ein gutes Leben wird oder ob es ein schlechtes Leben wird. Das ist das, was die Philosophien lehren. Und deshalb ist es ganz wichtig, zu fragen: Finde ich dort tatsächlich diese Magie, die mich hier rausholt? Es gibt ja Menschen, die sind genau in der gleichen Situation. Da ist nichts anders. Aber die finden das klasse. Die finden das toll. Die finden das spitze. Die fühlen sich wohl. Die haben diesen Zweifel nicht. Das gibt es tatsächlich. Dabei sind die äußeren Umstände genau die gleichen. Aber die innere Reaktion ist eine andere. Was unterscheidet den einen vom anderen? Was ist das genau?

Al-Omary: Gut, dann gehe ich jetzt ein paar Minuten zurück, als du gesagt hast: „Man kann alles schlecht reden.“ Sagst du: „Man kann sich auch alles schön denken.“? Ist das dann deine Antwort?

Müller: Mhm, ein Teil meiner Antwort. Es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen und realistisch zu betrachten. Ob ich darunter leide und meine Kraft verliere, ist eine andere Sache. Wenn ich aber zu einer Kraft finde, die eventuell sogar bewirkt, dass ich an diesen Umständen etwas ändern kann, ist das hervorragend. Dazu gehört aber, dass ich Möglichkeiten finde, entweder in meiner Kraft zu bleiben oder zurückzufinden zu meiner Kraft. Und das kann ich nicht durch negatives Denken. Das geht nicht. Mit negativem Denken meine ich wirklich negative Betrachtungsweisen. Ich meine nicht, die Augen vor Realitäten zu verschließen. Das ist etwas ganz anderes.

Al-Omary: Ja, da sind die Grenzen ja fließend. Und es ist wieder hochmanipulativ, denn wie ich bestimmte Dinge sehe und wie ich die Welt wahrnehme, wird ja beeinflusst durch Medien, wird beeinflusst durch eine öffentliche Debatte. Das heißt, meine Perspektive auf etwas wird gelenkt durch ein Kollektiv und durch die Sprachrohre des Kollektivs. Die Frage ist jetzt: Wie kann ich mich dem entziehen? Und komme ich, wenn ich mich dem entziehe, zu einer anderen Betrachtung, die nicht nur eine „Rosa-Wolken-Betrachtung“ ist? Natürlich kann ich mir alles schön denken. Aber ich stelle mir das relativ schwierig vor in der Praxis. Weil wir nun einmal in dieser Medienlandschaft leben. Weil wir einfach in dieser Gesellschaft leben, in der es eine sehr gemainstreamte Auffassung zu ganz vielen großen Themen der Zeit gibt.

Müller: Möglicherweise würde es bedeuten, dass man eine bestimmte Sache, die einem tatsächlich nicht guttut, aufgeben muss, um etwas zu ändern. Das ist unter Umständen notwendig. Aber erst einmal heißt es, die Ursache für sich selbst zu finden. Woran liegt es denn wirklich? Also nicht unbedingt im Äußeren suchen, sondern zu schauen: „Kann ich bei mir etwas ändern?“ Natürlich sind wir auch im Inneren geprägt von diesen ganzen Erlebnissen und Erfahrungen, die wir gemacht haben. Das Unterbewusstsein, das Unbewusste, das steuert uns. Allerding ist es auch so, dass wir dadurch eine unglaubliche Möglichkeit und die Chance haben, in der Zukunft bzw. für die Zukunft etwas zu verändern. Indem wir anders denken. Das Unterbewusstsein glaubt alles, was wir denken. Das ist ganz wichtig zu wissen. Das Unterbewusstsein glaubt uns selbst alles, was wir in Gedanken wiederholen. Und das wird zu unserer Realität. Deshalb haben wir ja auch die Chance, etwas zu verändern. Wenn wir keine Möglichkeit hätten, irgendetwas zu verändern, dann würden wir uns diese Fragen nicht stellen. Dann würden wir auch nicht merken: „Oh da sitzt irgendwo ein Stachel. Wo ist der ganz genau? Was ist es, was mich hier umtreibt? Was ist es, was mich verzweifeln lässt? Was ist der Grund, warum ich unglücklich bin?“ Aber das Unterbewusstsein glaubt alles. Und deshalb ist es wichtig, was wir ihm füttern. Und deshalb ist es auch wichtig, wenn wir einen Q7 oder einen BMW fahren, sich zu sagen: „Wow, ist das klasse, ist das wunderbar!“ Und sich so sehr darüber zu freuen, wie es nur möglich ist. Natürlich darf man nicht aus den Augen lassen, was dort unter Umständen Negatives dranhängt. Aber trotzdem gilt es, in erster Linie das Positive zu sehen, weil wir uns auf diese Weise auch trainieren.

Al-Omary: Also heißt das, nicht schönreden, sondern erstmal einfach objektivieren? Nicht: „Es ist alles ganz toll und super. Ich habe ein tolles Auto.“ Oder: „Um Gottes Willen! Ich bin die größte Umweltsau der Welt.“ Sondern zu versuchen, das irgendwie objektiv zu integrieren. Und das Zweite, was ich jetzt verstanden habe, ist, dass du sagst: „Man muss gelegentlich auch mal so eine Art (Müller: Unbedingt!) intellektuellen Frühjahrsputz machen.“ Ich mache auch gerne bei mir zu Hause die Übung, zu sagen: „Ich gehe einmal im Monat durch die Wohnung und versuche 100 Dinge zu finden, die ich wegwerfe, um mich zu entlasten – im wahrsten Sinne des Wortes – von Dingen, die ich nicht mehr brauche, die mich umgeben und beeinflussen.“ Es hat vielleicht auch Sinn, das mit den Gedanken zu tun. Reinheit der Gedanken ist ja etwas, was in fernöstlichen Lehren, zumindest soweit ich sie aus der Distanz und vielleicht auch mehr aus Kung-Fu-Filmen kenne als aus der Realität, gelehrt wird. Ist dieses Ausmisten, dieses Entrümpeln ein möglicher Schritt aus der Manipulation?

Müller: Es ist ein super Schritt aus der Manipulation. Wobei wir da das Augenmerk wieder auf das richten, was wir ausmisten. Wir können es nämlich gar nicht so ausmisten wie wir es gerne hätten, denn es ist ja innen drin. Was wir machen müssen, ist, diese Mechanik und dieses Muster des Denkens zu ändern. Das heißt, wir müssen uns ganz bewusst wohltuende Gedanken und Informationen zufügen. Das hat nichts mit einem positiven Denken zu tun. Das hat nichts mit positiven Affirmationen zu tun. Es hat etwas mit Echtheit zu tun. Das heißt, wenn jemand einmal im Monat durch die Wohnung geht und sich fragt: „Okay, was kann ich hier ausmisten?“, dann sollte er gleichzeitig fragen: „Wo sind die 100 Dinge, die mich unglaublich glücklich machen? Wo sind die 100 Dinge, die mich unglaublich erfreuen? Wo sind die 100 Dinge, auf die ich stolz sein kann? Wo sind die 100 Dinge, die mir eine Gänsehaut bereiten?“

Al-Omary: Das würde dann aber bedeuten, dass ich in der Tat so objektiviere, wie ich es eben gesagt habe. Natürlich bin ich von vielen Dingen umgeben, die mir nicht gefallen. Das beginnt beim Steuerbescheid und endet bei irgendwelchen Menschen, die mir Handlungen oktroyieren wollen. Auf der anderen Seite gibt es aber jeden Tag auch schöne Erlebnisse, kleine Erfolge oder eben auch das Fahren im BMW. Und das, sagst du, muss erstmal in eine Balance kommen. Ist das dann ein Stück weit Befreiung? Oder ist das einfach nur ein Perspektivwechsel im Denken?

Müller: Es ist beides. Meiner Meinung nach beides. Es ist Befreiung von Ballast, auch Gedankenballast. Gedankendisziplin ist ganz wichtig. Was lasse ich an mich heran? Welche Filme schaue ich? Was für Informationen lese ich? Und so weiter und so fort. Und wie filtere ich die zum Beispiel? Das ist ganz wichtig. Dann überlege ich: „Was ist positiv, was freut mich, was erfüllt mich?“ Auch das ist ganz wichtig. Also nicht nur das Fahren im BMW, sondern auch der Gedanke: „Wow, ich fahre hier auf einer Straße, die hat keine Schlaglöcher. Und diese Straße wurde durch meine Steuergelder gebaut. Wahnsinn!“

Al-Omary: Davon bin ich noch ein Stück weit weg, eigentlich sehr weit weg. Aber ich erlebe durchaus Menschen, die mir immer häufiger sagen: „Ich schaue keine Nachrichten mehr. Das ist mir alles viel zu negativ.“ Woraufhin ich dann sofort in Abwehrhaltung bin: „Naja, dann musst du ja sehr naiv sein und in einer rosa Wolkenwelt leben.“ Tatsächlich sind diese Menschen aber gar nicht mal weniger produktiv oder illusionistisch in ihrer Betrachtungsweise. Die lassen das einfach nicht mehr an sich ran. Auf der anderen Seite sind sie natürlich ein Stück weit unmündiger in Diskussionen, weil sie tagesaktuelle Themen nicht mehr so mitbekommen. Wie viel Mündigkeit, wie viel Wissen um das, was um uns herum passiert, ist denn überhaupt noch sinnvoll? Und soll ich mich nicht auch davon komplett befreien? Denn wenn ich richtig schön naiv bin, und ich bin jetzt vielleicht auch nicht das hellste Licht im Lampenladen, lebe ich natürlich latent glücklicher als jemand, der eine hohe Bildung hat und ein hohes Maß an Produktivität entwickelt.

Müller: Das ist immer die Frage, oder? „Was für eine Bildung hat er?“ Wenn er sich also so bildet, dass er sagt: „Was machen wir Menschen so viel Schlechtes? Was passiert hier wieder? Was passiert dort wieder?“ Es kommt doch immer darauf an, welche Nachrichten wir serviert bekommen. Es gibt unter diesen 100.000 Informationen positive Dinge. Es gibt schreckliche Dinge. Es gibt gute Dinge. Mit was werde ich bombardiert? Und was soll es bei mir bewirken? Das ist besonders wichtig. Wenn ich mir zum Beispiel mit meiner Tochter früher Filme ansah, habe ich immer gesagt: „Pass auf! Schau mal, was du fühlst. Denn das, was du jetzt fühlst, das sollst du fühlen. Deshalb haben sie dir diesen Film gezeigt.“ Das ist schon mal das Erste, was man machen kann. Man kann sagen: „Was soll ich denn da jetzt denken? Warum kriege ich genau diese Information? Was macht die bei mir im Kopf?“ Es ist aber auch möglich, dass diejenigen, die sagen: „Ich schalte jetzt den Fernseher aus oder ich höre jetzt keine Nachrichten.“, das aus Selbstschutz machen müssen, weil es einfach zu viel ist, weil sie sonst Medikamente nehmen müssten, da sie von so viel schlechten Nachrichten depressiv werden. Das kann doch sein. Bevor ich das mache, schalte ich lieber ab.

Al-Omary: Wenn ich so einsichtig bin.

Müller: Ja, Einsicht ist natürlich immer der erste Weg zur Besserung. (lacht)

Al-Omary: Jetzt ist ja so eine Gesellschaft keine kollektive Besserungsanstalt …

Müller: Ja, leider! Aber meine Vision ist, dass wir eine Gesellschaft haben, die eine kollektive Besserungsanstalt wird. Nicht mit jemandem, der uns eine Besserung aufzwingt, sondern wo wir es einfach machen können. Wo wir ein besseres Leben und auch ein ethischeres Leben führen können, und zwar ohne zu belasten oder auszubeuten. Da gibt es schon ganz viele Möglichkeiten.

Al-Omary: Jetzt ist mir Besserung zu negativ konnotiert. Aber eine Verbesserung, danach streben wir natürlich am Ende alle. Und eine Verbesserung für sich selbst, für den eigenen Geist, für das eigene Bewusstsein, führt möglicherweise auch zu einer Verbesserung für die gesamte Gesellschaft, wo dann doch wieder mein Kollektiv stattfindet. Und wo möglicherweise auch die extrem hofierte, von vielen Menschen auch inszenierte Individualität auf den Wunsch nach Ethik, Gemeinschaft, Vergesellschaftung trifft. Vielleicht ist da die große Klammer, die auch die Gesellschaft noch irgendwo verbindet, sodass beides möglich ist: Individualität und das Leben in einem System, von dem wir uns nicht freimachen können.

Müller: Ich habe jetzt irgendwie den roten Faden verloren. Wir waren bei der Menschlichkeit und dabei, dass wir uns auf das Positive programmieren können aber dennoch negativ beeinflusst werden, z. B. durch viele negative Nachrichten. Dass Menschen, wenn sie keine Nachrichten mehr sehen wollen, als naiv gelten.

Al-Omary: Eigentlich hatte ich gerade versucht, das Thema abzuschließen … (lacht)

Müller: Ach so. Aber das ist wirklich wichtig. Denn wer beurteilt denn, ob derjenige wirklich naiv ist oder nicht? Welche Messlatte legt man an? Man kann sich selbst natürlich auch wahnsinnig unzufrieden machen, wenn man die Latte so hoch hängt, dass man sie gar nicht erreichen kann. Das geht natürlich auch. Ein ganz großer Schritt in die Freiheit ist zu sagen: „Es ist mir egal, was die Leute von mir denken und was sie von mir halten. Wenn sie mich für naiv halten, wunderbar. Wenn sie mich für einen Spinner halten, noch besser.“ Dann habe ich meine Ruhe. Dann kann ich sein, wie ich will.

Al-Omary: Das folgt dann also dem Prinzip: Blamiere dich täglich, denn dann bist du wirklich frei.

Müller: (lacht) Na ganz so weit will ich nicht gehen. (lacht) Aber es gibt tatsächlich solche Schulen. Die laufen über die Straße und wollen sich emotional wappnen und üben tatsächlich sich täglich zu blamieren. Aber das ist nicht mein Weg. Das gefällt mir nicht. (lacht)

Al-Omary: Gut, der würde mir Gott sei Dank auch nicht gefallen. Jetzt bin ich dankbar, dass wir an dem Punkt wirklich einer Meinung sind, (Müller: Schön.) dass Blamage kein Lebenszweck und kein Lebensinhalt ist, (Müller: Oh Gott. (lacht)) Freiheit aber durchaus erstrebenswert ist. Vielen Dank. Jetzt werden wir hoffentlich weniger manipuliert und sind zumindest etwas wachsamer. (Müller: Wachsamkeit, Achtsamkeit) Und im Idealfall gehen die Leute jetzt ihr Zimmer aufräumen.

Müller: Und schauen: „Was gefällt mir dort?“ (lacht). Bis zum nächsten Mal.

Danke fürs Zuhören. Wir sind heute schon am Ende unserer Folge. Im zweiwöchigen Rhythmus geht es weiter. Und wenn sie die nächste Folge mit als erster auf ihrem Handy empfangen möchten, dann abonnieren sie doch einfach diesen Podcast. Wie das funktioniert, zeigen wir Ihnen in den Shownotes. Ansonsten lädt Sie Annette Müller ganz herzlich in ihre Facebook-Gruppe ein, um über die Gedanken zu heute und zu den nächsten Folgen mit ihr zu diskutieren. In diesem Sinne: bis zum nächsten Mal!