Episode #26 Ich würde es wieder tun!

Was treibt uns Menschen zu Reue oder sogar einem völligen Umdenkprozess? Beeinflusst die Unverrückbarkeit getroffener Entscheidungen unser Leben im Augenblick? Alles zu hinterfragen und zu bereuen kann das Jetzt prägen. Annette Müller widmet sich im Gespräch mit Falk Al-Omary in der heutigen Folge ihres Podcast dem Thema „Ich würde es wieder tun“.

„Gedanken zur Menschlichkeit“ ist ein philosophischer Podcast mit Annette Müller. Der Podcast möchte bewusst Kontroversen schaffen und neuen Gedanken abseits des Mainstream Raum geben.

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Annette Müller: Herzlich willkommen zur heutigen Podcastfolge. Gedanken zur Menschlichkeit. Ich freue mich auf das Gespräch mit Falk Al-Omary. Falk, wir haben ein wirklich spannendes Thema, was jeden interessiert. Es geht um „Ich würde es wieder tun. Reue oder jetzt erst recht“. Ich habe mir Gedanken gemacht, was Reue ist. Und was treibt uns dazu, eine Handlung, einen Gedanken oder eine Lebensweise tatsächlich zu bereuen? Und ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, die Reue ist etwas, was mir im Weg steht, die Realität und das Jetzt und das, was tatsächlich ist, nicht genießen zu können. Ich kann nur etwas bereuen, wenn ich mir eine andere Zukunft durch eine andere Handlung vorstellen kann. Was sagst du dazu?

Falk Al-Omary: Das ist ein komplexer Einstieg. Ich kenne Reue primär unter dem Aspekt der Kaufreue aus dem Vertrieb. Ich habe mir etwas Schönes gekauft, freue mich in dem Moment, wo ich es gekauft habe, und bekomme dann am Ende, wenn ich zuhause bin: „Ach, das ist ein schönes Produkt, aber eigentlich hätte ich doch lieber noch das Geld auf dem Konto.“ Oder: „Ob das jetzt so klug war, vielleicht hätte ich das Geld lieber in eine Altersvorsorge investiert.“ Und dann kommt das schlechte Gewissen, obwohl ich ein sehr schönes Produkt habe. Das ist mein pragmatisches Gefühl zum Thema der Reue. Und das passt ja genau auf das, was du auch sagst: „Oh, habe ich jetzt einen Fehler gemacht? Hätte es eine bessere Alternative gegeben? Hätte ich mich anders verhalten sollen?“ Und dann kommt der Selbstvorwurf: „Du bist nicht konsequent. Du hast dich falsch verhalten. Du bist ein schlechter Mensch. Du bist unkontrolliert. Du bist unbeherrscht.“ Und dann wird dieses schöne Produkt, diese Freude, die ich empfunden habe, konterkariert. Insofern ist Reue in der Tat etwas ganz Gefährliches. Und auf der Zeitachse ist das interessant, weil ich mir den Genuss nehme, ich kann aber die Zeit nicht zurückdrehen. Also ich habe keine Option. Gut, ich könnte das Produkt vielleicht noch umtauschen. Aber nehmen wir mal an, das wäre ausgeschlossen bei Verhaltensweisen gegenüber Menschen, wo es nicht um einen Kaufprozess geht, sondern um eine Interaktion, kann ich die Dinge ja nicht ungeschehen machen. Und deswegen ist Reue so wahnsinnig problematisch und im Grunde gar nicht lösungsorientiert, sondern total problemfokussiert.

Müller: Ja, und deshalb verdirbt es wirklich auch den Brei. Diesen schönen süßen Brei, den man mit nachhause genommen hat und vielleicht gegessen hat. Und dann hat man hinterher Magenschmerzen. Jetzt ist natürlich eine, jetzt in meiner Welt oder in der Art und Weise, wie ich lebe oder meine ganzen Ideale betreffend, ausschließlich Reue über ein vielleicht vermeintlich sinnlos ausgegebenes Geld zweitrangig. Denn Geld ist für mich neutral und es kommt auch wieder. Also das heißt, wenn ich sage, ich habe mir jetzt was Falsches gekauft, was ich doch nicht so toll finde, dann weiß ich gleichzeitig, dass ich es das nächste Mal nicht mehr kaufe. Oder dann wirklich etwas, was mich glücklich macht. Weil wir wollen ja diese Zufriedenheit haben mit den Dingen, die wir erwerben. Egal, ob wir das kaufen oder ob wir es uns erarbeiten. Oder ob uns das Schicksal das sozusagen in den Weg legt oder in Form von Menschen, die uns zufällig begegnen, dann eben zukommen lässt. Ich glaube, Reue ist eher etwas, was einem das Leben verdirbt. Ich sehe es tiefer als jetzt nur einen Kauf. Wobei ich dir deine Reue jetzt nicht in Abrede stellen möchte. Aber ich denke zum Beispiel an etwas, was ich in meinem Leben wirklich bereue. Und ich glaube, dass ist auch tatsächlich das einzige. Und zwar dass ich eben als Anfängerin auf den Skiern verunglückt bin und eine Knieverletzung davongetragen habe, die mich heute noch beeinträchtigt. Also das ist etwas, was ich bereue. Mein Leben wäre ganz sicher anders verlaufen, wenn ich diesen Unfall nicht gehabt hätte.

Al-Omary: Ja, aber da sind wir doch – du hast es ja eingeführt – bei dem Thema der Reue. Eine Episode in meinem Leben, die mein Leben verändert hat. Das ist irreversibel. Dieses „ich kann es eben nicht ändern, ich kann es nicht zurückholen“ macht Reue einerseits so schmerzlich, andererseits aber auch so überflüssig, weil ich es eben nicht mehr ändern kann. Vor dem Hintergrund müsste ich jeden Tag 30, 40 Dinge bereuen. Eine Minute, die ich sinnlos verlebt habe. Die Stunde, die ich länger geschlafen habe. Das Gespräch, das drei Minuten zu lange gedauert hat. Das geht in die Richtung „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet“. Dann müsste ich doch alles, was ich tue, hinterfragen und bereuen. Aber an welchem Maßstab will ich das denn messen? Wenn ich ein ganz konkretes Ziel habe, dann kann ich meine Zeit, meine Entscheidungen, meine Kontakte, diesem Ziel unterordnen. Aber wir sind doch nicht so radikal zielfokussiert, dass wir das wirklich können. Was ist denn mit der Zeit des Genusses, mit der Zeit des Austausches, mit der Zeit des Miteinanders, die ich nicht zurückholen kann? Muss ich das dann auch bereuen? Wie sinnvoll ist überhaupt Reue unter dem Aspekt meines menschlichen Seins? Das ich ja in ganz vielen Situationen gar nicht selbst bestimmen kann. Sei es durch Krankheit, sei es durch Schicksalsschläge, sei es durch Unternehmer-Kundenbeziehungen, die auseinander gehen. Sei es durch menschliche Enttäuschung. Ich bin ja immer in ein System eingebunden. Soll ich dann alles bereuen, was schiefgelaufen ist? Oder ist das am Ende nicht einfach nur Pech? Ist dann Pech gleich Reue?

Müller: Manchmal halten sich Pech und Glück schon irgendwo ein bisschen die Waage. Wenn man das dann schon als Glück oder Pech bezeichnen möchte. Das liegt auch in den eigenen Werten begründet. Unserer Beurteilung der Güte unseres Lebens und unseres Seins liegen ja immer unsere eigenen Werte zugrunde. Also für mich zum Beispiel ist genau das, was du beschrieben hast, Genuss. Das Zusammensein, mich zu freuen, egal was das ist, das ist für mich Lebensqualität. Und das bereue ich nie. Und ich würde auch niemandem dazu raten, das zu bereuen. Es sei denn, er ist so programmiert oder so ausgerichtet, sich später an einem bestimmten Ziel erst mal zu erfreuen, wenn er zum Beispiel einen bestimmten Umsatz erreicht hat oder eine bestimmte Auszeichnung. Also viele Menschen leben ja so, dass Sie sagen, jetzt arbeite ich hart, verzichte auf jeglichen Genuss, ich verzichte auf dies und jenes. Und später dann, wenn ich die Auszeichnung habe, oder wenn mein Konto so und so viel vorweist, werde ich es genießen. Es gibt auch Menschen, die beschränken sich selbst für die Erreichung eines gewissen Ziels. Zum Beispiel wenn ich jetzt so und so viel Umsatz gemacht habe, kaufe ich mir das Auto, die Uhr etc. – um eben dann auch den Anreiz zu haben, dass die Freude nach dem erreichten Ziel kommt. Das ist vergleichbar mit dem Spruch „Erst die Arbeit, dann das Spiel“, mit dem ich aufgewachsen bin.

Al-Omary: Dann brauche ich es aber auch nicht zu bereuen, weil ich ja einen Plan habe. Ich habe ein Ziel, du hast das Beispiel Umsatz genannt. Wenn dieses Ziel erreicht ist, belohne ich mich dafür. Dann folgt das ja einer Stringenz und ich habe auch nichts zu bereuen. Schwierig ist es aber, wenn dann ein Ereignis eintritt, das eben nicht mehr in den Plan passt. Dann habe ich mir etwas gekauft und es heißt es: „Hättest du mal das Auto nicht gekauft. Du warst am falschen Ziel unterwegs. Jetzt hast du es gemacht und es geht dir schlecht. Und jetzt du ein Problem, weil du dich belohnt hast.“ Und wenn dann die Lektion daraus ist, sich eben nicht mehr zu belohnen, wird natürlich das Leben umso trauriger. Und für mich geht Reue ja immer mit dem schlechten Gewissen einher. Du hast etwas falsch gemacht. Und diese Selbstvorwürfe, die machen das Leben natürlich auch deutlich schlechter. Viele sind regelrecht von Selbstvorwürfen zerfressen. Und ich nehme mich davon auch gar nicht aus. Also ich schlafe gerne lang. Ich hatte jetzt eine sehr intensive Arbeitswoche, habe so viel gearbeitet wie lange nicht. 20-Stunden-Tage, immer nur vier Stunden Schlaf am Stück. Und ich hatte mal einen Tag keine Termine und musste am nächsten Tag schon wieder weiter. Und ich habe diesen einen Tag nicht genutzt, um die Dinge aufzuarbeiten, die liegen geblieben, sondern ich habe sie wirklich verschlafen, weil ich schlicht und einfach nicht mehr konnte. Am nächsten Tag habe ich dann gesagt: „Verdammte Scheiße, hättest du das jetzt mal gelassen, hättest du jetzt mal gearbeitet. Jetzt hast du wieder Probleme. Jetzt rennst du schon wieder deinem Zeitplan hinterher. Du bist kein guter Typ, kein guter Unternehmer. Du bist nicht fleißig.“ Das kumuliert natürlich in einer Spirale des permanenten Getrieben- und Unglücklichseins. Und das finde ich macht Reue so wahnsinnig gefährlich. Sowohl als Wort als auch als Emotion.

Müller: Und wenn wir uns jetzt das Gegenteil anschauen, hier in unserem Thema. Wir haben ja die Frage „Reue oder jetzt erst recht?“ Wir würde denn das „jetzt erst recht“ aussehen im Gegensatz zur Reue?

Al-Omary: Das ist eine gute Frage. „Das hast du dir jetzt verdient“, wäre eine mögliche Reaktion. Da sind wir bei dem Thema Belohnung.

Müller: Der lange Schlaf kann die Belohnung sein.

Al-Omary: Ich könnte natürlich auch sagen: „Ich muss am nächsten Tag wieder fit sein. Du hast die nächste Woche mit 20-Stunden-Tagen vor dir. Es muss jetzt mal sein, damit du für die Menschen, mit denen du dann zusammenkommst, eine neue Performance bringen kannst.“ Natürlich kann ich mir das schön reden. Gleichwohl wird die Arbeit nicht gemacht an der Stelle. Und in dem Moment, in dem ich eben Müßiggang habe, kann ich es bereuen. Ich kann es aber auch für total sinnvoll erachten. Das ist einfach eine Frage der Perspektive. Wem nutze ich denn, wenn ich permanent übermüdet bin? Und ist überhaupt ein Nutzen stiften die Bestimmung? Geht es nicht eigentlich um etwas ganz anderes dabei? Aber ein „Jetzt erst recht“ wäre ja dann das andere Thema. Ich motiviere mich jetzt. Ich gebe jetzt Gas, ich ziehe das durch. Ich mache den nächsten 20-Stunden-Tag. Oder die andere Reaktion: Ich würde es wieder tun. Ich möchte jetzt jeden zweiten Tag so lange schlafen, weil ich einfach diese Energie brauche. Weil es mein Lebensstil ist. Oder weil ich dann am nächsten Tag aus den 20 Stunden 200 Prozent geben kann und dann quasi einen Wert von 40 Stunden schaffe. Das ist alles eine Frage der individuellen Betrachtung.

Müller: Ja, das sehe ich ganz genauso. Das erinnert mich an eine schöne Allegorie. Und zwar, das Leben ist ein Tanz und keine Reise. Also das heißt, wir haben kein Ziel, sondern wir tanzen auf der Stelle. Wenn wir das Leben genießen, das, was im Moment ist, entspricht dem Moment, wenn wir uns zur Musik des Lebens bewegen. Und da kommen wir dann eben nicht in diesen Stress hinein: „Ich muss immer performen, ich muss immer Leistung bringen.“ Sondern wir haben auch die Möglichkeit, diese Reise, die ohnehin geschieht, egal, was am Ende dann dabei rauskommt, zu genießen. Also gibt es zwei Möglichkeiten zu reisen. Entweder du sitzt im Zug und denkst an Termine. Oder aber du schaust nach draußen und erfreust dich an der schönen Landschaft, die vorbeizieht. Es gibt also zwei sehr verschiedene Formen von Reisenden im Leben, wie man in der Philosophie sagt.

Al-Omary: Ja, das ist am Ende natürlich eine Frage meiner persönlichen Bewertung. Und wenn ich mir die Zeit nehme, jetzt aus dem Fenster zu schauen und die Kleinigkeiten zu genießen, ist das für mich auch ein wichtiges Thema. Wir haben verlernt die Kleinigkeiten zu genießen. Wir jagen immer dem nächsten Thema hinterher. Dem nächstgrößeren, dem nächsten Termin, dem nächsten Ziel. Wenn wir das Umdenken wieder können und uns das ins Bewusstsein rufen, brauchen wir dann im Grunde auch nichts zu bereuen. Wenn ich aber sehr zielorientiert bin, kann ich natürlich falsche Entscheidungen getroffen haben. Trotzdem ist die Reue sinnlos, weil ich die Zeit eben nicht zurückdrehen kann. Es ist eine Frage meiner eigenen Bewertung. Und eine Frage, ob ich aus dieser Bewertung Konsequenzen ziehe und mich in Zukunft anders verhalte. Insofern ist Reue ja immer auch eine persönliche Lernerfahrung, die ich für mich nutzen kann oder eben nicht. Und die Lernerfahrung wird für mich nicht sein: „Ich schlafe einfach nicht mehr.“ Das kann nicht die Konsequenz sein. Aber die Lernerfahrung kann immer sein, anders zu bewerten, da auch meine Ressourcen endlich sind. In dem Eingeständnis kann ich möglicherweise ein besseres Leben führen und ganz groß gedacht auch ein besserer Mensch werden. Ich muss also die Reue als Emotion in mein Mindset, in mein Denken implementieren. Und dann wird sie wertvoll, wie jede andere Emotion auch.

Müller: Meine Tochter habe ich ziemlich frei erzogen. Und ich habe ihr gesagt: „Du kannst alles ausprobieren. Alles, ich verbiete dir gar nichts. Du kannst jeden Fehler machen, den du zweimal machen kannst. Aber denke daran, ein Fallschirm geht nur einmal nicht auf.“ Also habe ich ihr sozusagen mitgegeben: „Alles was du nicht wirklich bereust, also ohne Ende bereuen wirst, das probiere einfach aus. Und dann trage die Konsequenz.“

Al-Omary: Was ja genau in die Richtung geht. „Probiere es aus“ ist die Wahl, wie stark ist die Reue? Lerne dieses Gefühl auch erst mal zu verstehen. Dahinter steht ja auch ein Grund. Eine Reue hat immer auch irgendeine Ursache. Also ist es wirklich eine Charakterschwäche? Ist es eine falsche Verhaltensweise? Ist es etwas, was in mir begründet liegt? War es aus der Situation heraus? Also aus echter Freude heraus? Dann darf ich es um Gottes Willen nicht bereuen. Ich muss es ja auch in einen Kontext stellen. Ich glaube nicht jede Reue ist falsch. Es ist aber auch keinesfalls jede Reue gut. Aber dieses Bereuen als Implementierung meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung, das bringt uns dann glaube ich ein Stückchen weiter. Das gilt für viele andere Emotionen aber eben auch. Warum bin ich an einer Stelle wütend? Warum bin ich an einer Stelle enttäuscht? Warum bin ich an vielen Stellen verletzt? Das hat immer auch was mit mir zu tun. Und das zu reflektieren und für die Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen, das wäre für mich dann zumindest ein positives Gefühl, aus dem ich etwas lernen kann. Und wo ich meine persönliche Weiterentwicklung auch gestalten kann. Da bin ich ja nicht nur Opfer, da bin ich ja auch Täter. Und dann wird es richtig wertvoll.

Müller: Ich finde es immer sehr wichtig, dass wir Menschen uns wirklich die Zeit nehmen, uns selbst zu reflektieren. Weil wir dann eben Schlüsse ziehen können, um in Zukunft andere Entscheidungen zu treffen. Und nicht einfach wie ferngesteuert zum Beispiel eine Strecke weiterzuverfolgen, obwohl wir genau spüren, unterbewusst, unbewusst, dass es uns in eine Sackgasse hineinführt. Und das ist das, was ich jetzt aus deinen Worten verstanden habe.

Al-Omary: Also ich glaube schon, dass wir in eine Sackgasse gehen, wenn wir immer auf dieser „Ich habe etwas falsch gemacht Ebene bereuen“ sind. Aber wir haben ja auch die andere Seite „Ich würde es wieder tun“. Und das würde ich mit dem Wort Stolz dann auch belegen. Ich bin stolz auf das, was ich getan habe. Und ich würde das jederzeit wieder so machen. Das entspricht meiner Haltung, das entspricht meinem Sein, meinem Ich, meiner Persönlichkeit. Das ist ja auch etwas Schönes. Ich denke auch an viele Dinge zurück, bei denen ich sehr klare, sehr radikale Entscheidungen für mein Leben getroffen habe und heute sagen kann, das war genau richtig. Das hat meinem Leben einen Impuls gegeben. Das würde ich genauso wieder machen. Wir haben Reue auch immer in diesem Negativkontext – der Begriff ist als Wort negativ konnotiert. Aber in dem Titel war auch die Frage „Ich würde es wieder tun“ als genau das Gegenteil. Dafür haben wir gar kein Wort. Also mir fällt jetzt Stolz ein.

Müller: Rückgrat könnte man auch sagen.

Al-Omary: Oder Konsequenz.

Müller: Ja, Konsequenz und Aufrichtigkeit. Bei sich sein, bei sich bleiben. Da könnte man laut darüber nachdenken, was das noch alles sein könnte. Finde ich superspannend, diese Frage. Also wenn ich sage: „Ich würde es wieder tun“, muss ich mir ja erst mal die Frage stellen: „Würde ich es wieder tun oder doch lieber nicht?“ Und dann habe ich ja ausschließlich meine Fantasie zur Verfügung, um mir eben auszudenken, wenn ich es anders machen würde, was denn dann gewesen wäre? Und dann kann ich mir nur sagen, das wäre vielleicht besser gewesen, vielleicht wäre es sogar schlechter gewesen. Aber ich würde es wieder tun, einfach weil es meinen innersten Überzeugungen und meiner allerinnersten Wahrheit entspricht. Deshalb würde ich es wieder tun. Das erinnert mich auch so ein bisschen an Widerstand. Obwohl man das natürlich ganz anders beschreibt, das wieder tun und den Widerstand. Aber dann habe ich die Möglichkeit sozusagen kraftvoll zu sein, stark zu sein, meinen Willen zu entwickeln und anderen Menschen oder anderen Urteilen auch die Stirn zu bieten.

Al-Omary: Ich habe ja die Option, um das Beispiel Kaufen einfach noch mal reinzubringen, mich dem zu widersetzen, den guten Argumenten des Verkäufers. Dem Impuls des Kaufens des schönen Füllers oder was auch immer. Ich sammle jetzt Uhren und Füller. Deswegen bin ich an dieser Stelle gedanklich auch in einem Montblanc-Geschäft. Aber am Ende sage ich natürlich auch, du schreibst damit nicht, du sammelst sie. Und wenn du damit schreibst, was ist dann anders, als wenn du jetzt einen normalen Pelikan Füller nimmst? Ich lege auf diese Dinge eben Wert. Aber ich würde auch sagen, ich werde es wieder tun. Weil dieses Gefühl, etwas Schönes zu erwerben, es in einem schönen Ambiente präsentiert zu bekommen, es wertzuschätzen in jedem Detail, das gehört eben auch zu mir. Ich habe einen gewissen Anspruch an mich und an die Dinge, die mich umgeben. Also kann ich zwar den Kauf bereuen, ich muss aber genauso sagen: „Ich werde es wieder tun.“ Das ist vielleicht noch gar nicht mal unbedingt ein Widerspruch. Weil es meinem Charakter, meinem Wertesystem, meinem Wertempfinden entspricht, bestimmte Dinge um mich herum zu haben. Es gehört also zu mir. Und am Ende des Tages gehören auch Fehlentscheidungen zu mir. Sie sind aus meinem Geist heraus entstanden. Ich habe das entschieden. Wie auch immer ich in dieser Entscheidung beeinflusst worden bin, aber ich habe auch das aktiv zugelassen. Also im Grunde könnte man dann auch sagen, eigentlich steht mir Reue gar nicht zu. Ich habe es so entschieden.

Müller: Das ist ein sehr interessanter Gedanke: „Eigentlich steht mir Reue gar nicht zu, aufgrund dessen, dass ich es entschieden habe.“ Also ich glaube, Reue könnte mir schon zustehen, wenn ich etwas daraus lerne, wenn ich etwas für die Zukunft daraus lerne. Also ich würde zum Beispiel nie bereuen, mir irgendetwas Wunderschönes anzuschaffen, weil ich, wenn ich das tue, eben auch mit dem, was ich gebe, wertschätze, was der andere geschaffen hat. Das heißt, ich unterstütze das Gute. Ich unterstütze das Schöne. Ich unterstütze die Kreativität. Was ich bereuen würde, wäre, wenn wir beim Kaufen sind, wenn ich mir etwas aufschwatzen lasse. Wenn der andere mir irgendetwas verkauft, weil er mir das einfach nur verkaufen will, damit ich mein Geld dort lasse. Und es ist hinter diesem Produkt nichts anderes als reiner Geldaustausch. Also reiner Konsum. Das sind Produkte, die werden hergestellt einfach nur, damit Leute ihr Geld dafür ausgeben. Und das Produkt macht keinerlei Sinn.

Al-Omary: Das müssen nicht immer Produkte sein. Es gibt auch Dienstleistungen, die völlig wertlos sind. Da würden mir schon auch ein paar einfallen.

Müller: Da fällt mir jetzt gerade gar nichts ein.

Al-Omary: Na ja, ich sage mal, so manches Speaker-Event halte ich für relativ überflüssig. So manche Versprechungen von „Werde schnell reich und werde schnell berühmt“ gehen mir schon ziemlich auf den Keks. Sind für mich moralisch fragwürdig und lösen bei vielen eine Kauffreude aus. Ich habe lange in diesem Kontext gearbeitet und weiß, dass die Stornoquote extrem hoch ist. Also die Begeisterung, in so einer Euphorie etwas zu kaufen, und dann von seinem 14tägigen Rückgaberecht Gebrauch zu machen, ist ein sehr messbarer Faktor für Reue, die eingesetzt hat. In vielen Fällen ist diese Reue auch ein Akt der Vernunft. Und da bin ich wieder am Thema, steht mir die eigentlich zu? Ich habe, das muss ich doch dann zugeben, mich in etwas hineinquatschen lassen. Also ist die Reue die Konsequenz einer Fehlentscheidung, die ich aus einer Schwäche heraus getroffen habe, weil ich in dem Moment empfänglich für Botschaften war, die rational nicht begründet sind. Die letztlich nicht zu mir gehört haben. Also bin ich doch am Ende selbst schuld und darf im Grunde wieder nicht bereuen. Ich habe nur durch das Widerspruchsrecht die Chance, meine Fehlentscheidung zu revidieren. Das habe ich bei Produkten häufiger als Verbraucher. Aber im Leben habe ich es eben nicht. Wenn ich mit einer Freundin Schluss gemacht habe, ist es schwierig, die wieder zurückzugewinnen, je nachdem, wie tief die Verletzung ist. Wie schnell trifft man im Affekt Entscheidungen gegen Menschen, die sich nachher dann doch als sehr wertvoll herausgestellt haben. Wie oft fällt man aber umgekehrt auch auf Menschen herein, die einem etwas vorgegaukelt haben. Da hat man auch extrem viel Möglichkeit zur Reue. Und auch da muss man aber sagen: „Bist dann selber schuld. Hast dich von irgendwelchen Nebenkriegsschauplätzen beeinflussen lassen. Der Typ hatte so einen coolen Anzug an, der schien Geld zu haben. Der Typ kam so nett daher, warum hast du nicht gemerkt, dass der sich eigentlich als böser Mensch entpuppt? Warum hast du den sofort in eine Schublade gesteckt?“ Es sind ja immer die Umstände und der Kontext, die mich zu irgendeiner Entscheidung bewegen. Also liegt es dann auch an mir. Ich darf es nicht bereuen, aber ich muss die Chance haben, es zu revidieren, wo es möglich ist. Und oft kann ich es eben nicht, weil viele Dinge irreversibel sind.

Müller: Weißt du, was mich gerade getroffen hat und angesprochen hat, war, dass du Schwäche erwähnt hast. Du hast eine Entscheidung getroffen, weil du in dem Moment schwach warst. Also wir werden von jemandem belabert, irgendeinen Vertrag zu unterschreiben, weil der uns schwach gemacht hat. Kann das sein? Wir sind schwach geworden, weil wir eine Person getroffen haben, die uns vorgemacht hat, uns unsere tiefsten Wünsche zu erfüllen, unsere Sehnsüchte. Und da waren wir dann schwach. Also das war dann unsere Achillesferse. Und da glaube ich, ist Reue ganz gut, wenn wir unseren Schwachpunkt sozusagen erkennen. Und dann können wir das nächste Mal anders reagieren.

Al-Omary: Schwäche ist gar nicht mal konträr zur Stärke. Sondern Schwäche bedeutet auch, dass wir in dem Moment unseren Pfad der Tugend, unsere eigenen Werte, unsere eigenen Prinzipien, verlassen haben. „Wir hätten es besser wissen müssen“ ist ja häufig der Nachsatz, der dann kommt. Wir haben uns an dieser Stelle von unserer eigenen Menschlichkeit und unseren eigenen Tugenden entfernt, weil wir abgelenkt worden sind von Dingen, die dieses Ereignis umgeben haben.

Müller: Also ich habe schon Entscheidungen getroffen, Dinge zu tun, von denen ich wusste, das wird nicht so, wie ich mir das denke oder was ich mir da erhoffe. Das heißt also, meine Mutter hätte mir sicherlich gesagt: „Kind mach das nicht, das wirst du bereuen.“ Aber meine Gedanken waren, dass ich das trotzdem mache. Auf der anderen Seite ganz viele von diesen Dingen, die andere bereut hätten – ich aber nicht, dadurch, dass ich eben mit offenen Augen dieses Risiko eingegangen bin, etwas zu tun, was ich hinterher vielleicht bereuen würde, habe ich es nicht bereut. Und da würde ich sagen, das würde ich definitiv wieder tun.

Al-Omary: Das ist eine Frage, wie bewusst bist du dir deiner Entscheidung? Ich habe das Recht, Fehlentscheidungen zu treffen. Ich habe das Recht, Fehler zu machen. Das Recht nimmt mir ja noch nicht mal der Staat. Ich habe natürlich auch das Recht, Verlust zu machen, und ich muss dann auch keine Steuern bezahlen. Also das Grundrecht auf Fehler gesteht mir die Gesellschaft, gesteht mir jeder andere Mensch auch zu. Ich muss dann nur eben auch die Konsequenzen tragen. Und das muss man dann auch der Ehrlichkeit halber sagen. Häufig bereuen wir gar nicht das Ereignis, sondern wir bereuen die Konsequenzen, die das Ereignis ausgelöst hat, als ein Akt des Selbstmitleids. „Jetzt hast du wieder mal ins Klo gegriffen, weil du eine falsche Entscheidung getroffen hast.“ Und da ist die Reue nichts anderes als ein Abklatsch des Gedankens: „Hättest du doch besser wissen können.“ Wo ich wieder bei dem Thema bin: „Ach du bist ja irgendwie auch ein schlechter Mensch.“ Wir bereuen häufig die Begleitumstände. Wir bereuen ja nicht den Kauf des teuren Produktes. Sondern, dass jetzt das Geld nicht mehr auf dem Konto ist, das ich eigentlich für eine Altersvorsorge vielleicht hätte aufwenden können. Wir bereuen nicht, diesem Menschen begegnet zu sein, sondern wir bereuen den Schaden, den er angerichtet hat. Reue ist unheimlich oft auch extrem unehrlich und wird auf das Ereignis selbst projiziert oder auf die Person oder auf den Auslöser, der wir am Ende aber selber sind. Da müssten wir uns glaube ich auch ehrlicher machen.

Müller: Ja, das sehe ich auch so. Wobei ich an dieser Stelle gleich einhaken möchte. Du hast zum Beispiel dieses Thema angesprochen: „Ich habe das Geld nicht mehr auf dem Konto und könnte es sozusagen vernünftiger einsetzen oder eingesetzt haben.“ Da ist dann die Frage, wäre das wirklich das Vernünftige? Weil wir doch zum Beispiel keine Ahnung haben, wie alt wir überhaupt werden. Brauchen wir eine Altersvorsorge oder nicht? Ist das immer gut, sich selbst so zu verhalten und zu leben, dass wir vielleicht gar keine Altersversorgung in dem Sinne brauchen? Nicht weil wir früh sterben, sondern weil wir immer in der Lage sind, uns selbst zu versorgen. So eine Altersvorsorge hat ganz viel auch mit Angst zu tun.

Al-Omary: Es ist auch nur ein Beispiel, bei dem ich sage, das Geld ist jetzt weg, man hätte es auch anders investieren können ins Unternehmen. Ich will das gar nicht so stark auf die Altersvorsorge bringen. Aber ich komme gerne zu einem anderen Gedanken zurück, den du mir jetzt wiedergegeben hast. Nämlich, dass wir in vielen Fällen fremdbestimmt sind. Wir wissen nicht, wie alt wir werden. Und da ich es nicht weiß, muss ich eine gewisse Vorsorge betreiben. Zumindest Liquidität aufrecht zu erhalten. Ich weiß nicht, wie lange bestimmte Maßnahmen des Staates oder bestimmte Gesetze gelten. Also muss ich eine gewisse Liquidität vorhalten. Ich weiß nicht, ob am Ende der Kunde noch bezahlen kann und wie sicher sein Vertrag ist und wie sicher er in seinem Leben steht. Also muss ich irgendwie einen Ersatz schaffen. Also ich kann, nicht als Unternehmer, aber auch nicht als Mensch, als Privatperson, immer in den Tag hineinleben nach dem Motto: „Die Sonne scheint zum Fenster rein, es wird schon alles richtig sein.“ Ich kann mich nicht auf „Es wird schon gut gehen“ verlassen und nach dem rheinischen Grundgesetz leben – ich muss schon eine gewisse Selbstfürsorge auch betreiben. Und wenn ich dieser widerspreche, dann bereue ich möglicherweise nachher manche Entscheidung.

Müller: Und diese Selbstfürsorge könnte man doch unter Umständen auch bereuen.

Al-Omary: Sicher, wenn ich dann mit 40 gestorben wäre und viel Geld auf dem Konto hätte, müsste ich es im Nachhinein bereuen, wenn ich es dann noch könnte. Ich weiß es halt nicht. Das ist eben der Punkt. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Und die Strafe sind diese negativen Begleiterscheinungen, die ich dann möglicherweise bereue. Und das ist dann eine Abwägungssache. Was ist denn besser, mit 40 zu sterben, aber ich hätte bis 80 mit dem eigenen Geld auskommen können? Oder mit 80 zu leben und in Altersarmut zu sein? Beides ist jetzt irgendwie Mist.

Müller: Das ist natürlich ein ganz ungewisses Pflaster, auf das wir uns zubewegen. Aber das ist ein Thema der Menschheit. Keiner kann die Zukunft voraussagen. Jeder versucht irgendwie eine Art Sicherheit aufzubauen. Aber dieses Netz existiert nur in unserer Vorstellung. Wir wissen nicht, was in der Zukunft auf uns zukommt. Und nur deshalb auf etwas zu verzichten, was uns Glück bringt und tatsächlich glücklich macht, um dieses merkwürdige imaginäre Sicherheitsnetz dann mit 80 oder 70 oder sonst irgendwie etwas zu haben, oder vielleicht auch nur morgen. Das ist doch zumindest für mich ein bisschen fraglich. Weil uns das ganz viel tatsächliche Lebensqualität nimmt. Nicht das mit der Sonne, die zum Fenster reinscheint und alles wird in Ordnung sein. Das meine ich damit nicht. Aber man sollte doch das Fenster, durch das die Sonne tatsächlich reinscheint, nicht einfach zu machen und sagen: „Okay, ich mache es erst morgen auf.“

Al-Omary: Aber die Antwort darauf ist doch relativ einfach, weil ich eine persönliche Erwartung habe. Die Erwartung, wie alt werde ich werde, kann ich mit meinem Lebenswandel beeinflussen. Das kann ich vielleicht auch mathematisch errechnen. Ich fahre 60000 Kilometer Auto im Jahr, wie viele Verkehrstote gibt es, wann bin ich denn dran? Ich kann statistische Wahrscheinlichkeiten nehmen, wie alt ich denn werde. Ich muss ja irgendwelche Maßnahmen ergreifen, um mein Leben halbwegs in den Griff zu bekommen. Ich habe bestimmte Erwartungen, und ich habe bestimmte Vorstellungen, wie es im Alter denn sein soll. Und ich habe auch Vorstellungen, wie es dahingehen soll. Und diese eigenen Erwartungen, auf die kann ich meine Wertmaßstäbe und meine Handlungen hin abzielen. Und dann muss ich eben sagen: „Kann ich mir den Kauf jetzt leisten? Hat mich diese Entscheidung zurückgeworfen oder nicht?“ Ich muss am Ende eigene Erwartungsbilder schaffen, auf deren Basis Wertmaßstäbe definieren, damit ich dann messen kann, bereue ich das jetzt, ist das richtig oder ist das falsch? Und wenn ich diese Wertmaßstäbe habe, kann ich Reue zumindest halbwegs qualifizieren. Und nur dann kann ich es aber auch einordnen und für mich als intellektuelle Rendite irgendwo verorten. Nur dann kann ich sagen, dass ich etwas aus der Reue lerne oder ich akzeptiere die Fehlentscheidung als Learning. Oder nein, ich brauche das nicht zu bereuen, weil ich das eben bin. Aber ich muss es an irgendetwas festmachen, ich muss es irgendwie benchmarken können. Das heißt, ich muss zur Persönlichkeit heranreifen, um diese Reife in klare Handlungsmaximen zu manifestieren, an denen ich dann messen kann, muss ich das bereuen oder muss ich es nicht bereuen? Wer aber nur durchs Leben wabert und keine Handlungsmaximen hat, der kann weder bereuen noch es positiv implementieren, weil er wie eine Amöbe durchs Leben geht. Ich brauche aber irgendeinen Halt. Alles ist nur im Kontext relevant.

Müller: Du hast das Stichwort gesagt, das sind die Werte. Und die Werte, die wir haben, die bestimmen, ob wir etwas bereuen, oder ob wir es wieder tun würden oder ob wir sagen würden: „Jetzt erst recht“. Welche Werte haben wir? Was steuert uns? Und du hast auch gesagt: „Das bin ich.“ Und ich glaube, dass das jetzt sozusagen hier, dass wir einen Punkt, gemeinsamen Nenner gefunden haben in dieser Diskussion. Dass wir nichts bereuen, wo wir sagen: „Das bin ich. Und deshalb würde ich es einfach wieder tun.“ Und da ist jeder Mensch anders, weil jeder seine eigenen Wertvorstellungen hat.

Al-Omary: Ja, und weil er auch sagen kann: „Das gehört zu mir. Auch diese Fehlentscheidung gehört zu mir.“ Und diese Fehlentscheidung gibt vielleicht dem Leben eine andere Richtung. Wir wissen aber auch, dass jeder negativen Erfahrung auch wieder eine positive folgt und umgekehrt. Das ist alles irgendwo im Fluss. Also Reue ist auch etwas sehr Vergängliches. Etwas so Sinnloses, weil es morgen schon wieder anders sein kann. Deswegen ist Reue auch gar nicht das, was unser Leben beeinflussen sollte. Aber ich muss aus Reue wie aus jeder anderen Emotionen Rückschlüsse ziehen und lernen. Und mit jeder falschen Entscheidung, die ich bereuen könnte, werde ich am Ende zu einem besseren Menschen werden. Und wenn ich das implementiere und das für mich manifestiere, dann glaube ich, kann Reue etwas Positives sein. Dann ist es auch gar nicht so wichtig, ob ich es wieder tue oder nicht. Weil selbst, wenn ich es wieder tue, tue ich mir ganz am Ende etwas Gutes. Das wäre so ein versöhnlicher Gedanke zu dem negativen Wort Reue.

Müller: Da fällt mir noch eine andere Möglichkeit ein. Und zwar könnte es auch sein, dass wir etwas, was wir tun, im ersten Moment bereuen und dann aber feststellen: „Oh, wenn ich es nicht genauso getan hätte, hätte das Positive, was tatsächlich daraus entstanden ist, nicht entstehen können.“ Sodass wir sagen: „Oh, im Prinzip habe ich es eigentlich richtig gemacht.“

Al-Omary: Es gibt immer eine Dialektik. Es gibt das Gute nicht ohne das Böse. Es gibt das Gute nicht ohne das Schlechte. Und auch Dialektik zulassen ist eine intellektuelle Leistung, die ich zu meiner Menschwerdung integrativ nutzen muss.

Müller: Schön. Ich freue mich über den Nenner, den wir gefunden haben und ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Zuhörer, bis zum nächsten Mal.

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