Episode 28 Wie ist der Mensch? Gut oder böse?

Braucht der Mensch besonders intellektuelle Fähigkeiten, um das Böse zu verkörpern und umzusetzen? Kommen wir wie ein unbeschriebenes Blatt zur Welt und werden erst aufgrund der Sozialisierung böse? Der Taumel zwischen Bewusstsein und Ahnungslosigkeit treibt uns um. Ansprüche an das System, Überzeugungen und Erziehung – Annette Müller widmet sich im Gespräch mit Falk Al-Omary in der heutigen Folge ihres Podcast dem Thema „Wie ist der Mensch, gut oder böse?“.

„Gedanken zur Menschlichkeit“ ist ein philosophischer Podcast mit Annette Müller. Der Podcast möchte bewusst Kontroversen schaffen und neuen Gedanken abseits des Mainstream Raum geben.

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Annette Müller: Herzlich willkommen zum heutigen Podcast „Gedanken zur Menschlichkeit“. Wie ist der Mensch, gut oder böse? Hier bei mir im Gespräch ist Falk Al-Omary. Und ich freue mich sehr auf unsere heutige Folge, weil wir ganz unterschiedlicher Meinung sind. Ich war von Anfang an und bin noch immer der Meinung, der Mensch ist im Grunde genommen gut. Und ich weiß von dir, dass du der Überzeugung bist, der Mensch ist böse.

Falk Al-Omary: Ich glaube gar nicht, dass der Mensch böse ist. Weil er um wirklich böse zu sein eine besondere intellektuelle Begabung bräuchte, um das Böse dann auch umzusetzen. Ich halte die meisten Menschen schlicht und einfach für völlig verblödet.

Annette Müller: Oha. Also wir brauchen gar nicht weiterreden, ich bin teilweise deiner Meinung. Aber im Prinzip halte mich nicht für blöde. Und ich halte mich für gut. Wie sieht es mit dir aus? Also ich halte dich auch nicht für blöde. Aber ich weiß, dass du dich nicht unbedingt für gut hältst.

Falk Al-Omary: Na ja, blöde sind ja immer die anderen. Und da das jeder so sieht, gleicht sich das im Leben immer wieder aus. Also selbst die Leute, bei denen du denkst, um Himmels willen, das kann ja wohl nicht sein, ein Sack Kartoffeln ist hundertmal intelligenter, werden dir in wohlfeilen Worten erklären können, warum sie jetzt besser als alle anderen sind. Für gut halte ich mich nicht. Zumindest bin ich kein Gutmensch. Ich glaube, dass ich viel Gutes tue, indem ich mich für meine Kunden einsetze, für mein Umfeld sorge und einfach Leistung bringe. Aber das ist eher ein Nebenprodukt. Ich habe nicht den Anspruch, gut zu sein und Gutmensch zu sein. Ich habe einfach den Anspruch, in Ruhe gelassen zu werden. Von anderen aus diesem Raum, den mir andere dann lassen, Potenzial zu entfalten, meine Arbeit zu machen. Und meine Arbeit, ja, die halte ich für gut. Aber mein Wesen ist jetzt nicht „ich muss für die Gesellschaft was tun, ich muss für die Armen was tun, ich muss für die Gemeinschaft da sein“. Ich habe da überhaupt kein Helfersyndrom. Und das ist gerade ja nicht so zeitgemäß. Und ich bin auch auf meinen Social Media Kanälen ein bekennender Gegner des Gutmenschentums.

Annette Müller: Ja, also das zeigt schon in der Wortwahl – das Wort Gutmenschentum ist sehr negativ behaftet. Also sind schon wieder die guten Menschen nicht die Guten. Sondern vielleicht sind die Bösen dann die Guten. Also den Menschen an sich als nicht gut zu betrachten, ist etwas, was ich schon auch verstehen kann. Aber es entspricht überhaupt nicht meiner Philosophie. Meiner Philosophie nach ist der Mensch an sich gut. Kein Mensch kommt schlecht zur Welt. Er wird schlecht gemacht. Also er wird in der ganzen Gesellschaft, in der Erziehung, in den Werten so aufgezogen, dass er dann im Endeffekt sich selbst und anderen Menschen schadet. Das empfinde ich als schlecht. Aber im Prinzip, von Anfang an, halte ich den Menschen als Wesen für sehr gut. Weil der Mensch geben möchte.

Falk Al-Omary: Die Menschen, die ich in der großen Mehrzahl wahrnehme, ich will jetzt nicht für alle sprechen, da wir jetzt über die Bezeichnung „der Mensch“ sprechen, dann sind das natürlich immer irgendwelche Mehrheits- oder Durchschnittswerte: Aus meiner Sicht möchte der vor allen Dingen nur nehmen. Dieses ganze Thema „Ich zuerst“, es geht nur um Geld, es geht nicht um das Ergebnis, sind Dinge, die ich permanent erlebe. Ich habe jetzt gerade meine Firma komplett umstrukturiert und erlebe eine Auseinandersetzung mit noch oder ehemaligen Geschäftspartnern, bei denen es nur darum geht, dass deren Interessen vor denen des Unternehmens stehen. Ich sage das mal sehr hart. Mit welchem Recht lassen wir zu, dass Menschen ihre erbärmliche Freizeit über den Job stellen, der ihnen überhaupt diese Freizeit ermöglicht und finanziert? Warum lassen wir zu, dass Menschen sich nicht, wenn sie schon einen Job annehmen, für den sie bezahlt werden, diesen Job zu 100 Prozent verschreiben? Warum gestatten wir Fehler, die objektiv dumm sind, die man mit ein bisschen Nach- oder Vordenken nicht hätte machen müssen? Warum gestatten wir Menschen, ihre Lebensprinzipien anderen überzustülpen in Systemen? Und das ist doch eine Art von Egoismus und eine Art von Bosheit, die gar nicht mal Böses schaffen will, aber die auf eine Art und Weise nur selbstreferenzierend ist, die am Ende gute Ergebnisse unmöglich macht. Und diese Verblödung, diese Nivellierung, diese Art von Pseudoegoismus, ich bin ein großer Freund von Egoismus, aber dieser Pseudoegoismus, der am Ende allen schadet, auch den Blödmännern, die diesen Egoismus kurzfristig für sich in Anspruch nehmen, der macht diese ganze Welt schlechter. Und daraus ziehst du deine Lehren. Und meine Lehre ist: „Tu keinem etwas Gutes, dann geschieht dir auch nichts Böses.“

Annette Müller: Wow, das muss ich erst mal verkraften. Also das war jetzt umfangreich. Da kam die Frage auf, warum ist das? Mir klingen jetzt die Ohren durch dieses Warum. Ich hätte vielleicht sogar eine Antwort, die wir uns mal angucken können, ob das stimmt oder nicht. Vielleicht ist es die falsche, eine falsche Belohnung. Vielleicht belohnen wir Menschen für das falsche Ziel. Vielleicht halten wir den Lohn, tatsächlich den monetären Lohn, für eine Belohnung. Und das ist es aber nicht. Vielleicht sollte unsere Belohnung der Stolz auf die eigene Leistung sein und nicht nur monetär gemessen.

Falk Al-Omary: Dann haben die vielen Leute aber keinen Grund zum Stolz, weil sie ja eben nicht leisten. Was für einen Unsinn lassen wir uns denn gefallen? Welch mangelnden Service, welch mangelnde Einsatzbereitschaft. Welch mangelndes Denken. Wie viel Blödheit musst du als leistender Mensch ertragen? Auf was sollen denn diese intellektuellen Amöben stolz sein?

Annette Müller: Ich wäre stolz, und ich weiß, dass Menschen stolz sind, wenn sie tatsächlich ihr Bestes geben durften. Also der Mensch möchte geben, der Mensch möchte sein Bestes geben. Wenn es dem Menschen, den Menschen erlaubt ist, wirklich kreativ zu arbeiten, sich zu entfalten, sinnvoll in einer Arbeit, dann gibt der sein Bestes. Und der Lohn dieser Arbeit ist der Stolz auf die eigene Leistung, auf das eigene Resultat. Und nicht die Belohnung eines Auftraggebers für eine Leistung, die der Auftraggeber beurteilt. Meiner Meinung nach ist es das Urteil sich selbst gegenüber, das wunderbares Selbstwertgefühl hervorruft, indem ich sage: „Meine Leistung war fantastisch.“ Dann als nächstes habe ich auch den monetären Lohn dazu. Aber was ich eben in der Dienstleistungsgesellschaft erlebe, ist, dass du etwas für das falsche Ziel tust. Und das falsche Ziel ist: „Ich will jetzt den Lohn haben.“ Und dann zählt die Leistung im Prinzip nicht. Sondern ich erkenne, dass wir mit möglichst wenig Aufwand das meiste Geld verdienen wollen. Und das ist für mich falsch.

Falk Al-Omary: Mein Thema ist ehrlich gesagt gar nicht Geld. Ich mache viele Projekte, die sich am Ende gar nicht rechnen. Und ich mache das, weil ich der Überzeugung bin, dass ich damit den Kunden weiterbringe, dass ich Menschen helfen kann. Dass ich wirkungsvoll bin im positiven Sinne. Und Geld ist für mich nur das Ergebnis dessen. Also Geld kommt halt raus, wenn ich etwas Gutes abgeliefert habe. Es ist aber nicht die Triebfeder. Ich stelle aber fest, dass ich mit diesem Denken sehr alleine bin, und dass es anderen nur ums Geld geht. Also ich finde, dieses Thema Geld ist überbewertet. Aber eins ist auch klar, ich bin Ökonom und komme aus dieser Business-Welt und halte die auch für in weiten Teilen das Maß der Dinge. Am Ende müssen sich die Dinge natürlich rechnen. Also ich sage mal, wenn wir alle das Prinzip einer Behindertenwerkstatt leben würden, dass jeder sich einbringt, völlig unökonomisch, aber er tut etwas, auf das er nachher stolz sein kann. Er ist irgendwie glücklich, was geschafft zu haben, am Ende braucht aber keiner das Produkt. Dann kommen wir ja irgendwie auch nicht weiter. So ganz am Ende des Tages ist nicht der Weg das Ziel, sondern irgendwie das Ergebnis. Und das Ergebnis ist, irgendeiner braucht dieses Produkt, setzt es ein und ist bereit, dafür Geld zu bezahlen. Das ist mir bewusst. Aber noch mal, Geld ist für mich das Ergebnis und nicht das Ziel. Wenn Geld das Ziel wird, dann sind wir von Gier getrieben. Und Gier kommt häufig, damit komme ich zurück zum Anfang, gepaart in dieser Blödheit, in dieser Dummheit, in dieser Kurzsichtigkeit. Dieses eben nicht weiterzudenken. Weil ich am Ende immer wieder durch meine eigenen Ansprüche an das System, das ich auszubeuten bereit bin, einen kurzfristigen Vorteil sehe, aber den Ast absäge, auf dem ich sitze. Ich bin weiß Gott kein Kollektivist. Ich bin jemand, der Egoismus als die Triebfeder von jedem Erfolg beachtet. Aber ich muss doch auch in meinem Egoismus mal über drei Tellerränder hinausdenken und sehen, dass ich on the long run mehr Geld verdiene, wenn ich mich der Sache verschreibe als dem kurzfristigen Geld hinterherzulaufen. Und diesen Intellekt haben die meisten Menschen nicht. Sie verhalten sich wie Tiere, die im Grunde nur ihrem kurzfristigen Trieb folgen. Und da bin ich eben auch bei „Mensch ist böse“ bei Thomas Hobbes, „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“. Das kommt nämlich genau dabei raus.

Annette Müller: Und da gehe ich wieder zurück zu meiner Überzeugung, es liegt an der Erziehung. Es liegt an der falschen Belohnung. Ich möchte aber gerne das mit den Behinderten jetzt aufgreifen. Das ist ja ein Beschäftigungsmodell. Und die Behinderten, die dort eben sich ausdrücken können, etwas schaffen können, geben können, teilhaben können an dieser Gesellschaft, was ja von vielen nicht geschätzt wird, ist aber ein Beitrag dazu, dass diese Menschen glücklicher sind, als sie ohne diese Beschäftigung wären. Aber ich möchte wirklich sagen, dass die Kreativität nicht in einer Behindertenwerkstatt zu sehen ist oder ausschließlich dort. Du kannst ja nicht sagen, dass der Erfinder des Lasers behindert gewesen ist.

Falk Al-Omary: Also um das auch klarzustellen. Ich war in vielen Behindertenwerkstätten, weil ich lange Zeit ein politisches Mandat hatte. Ich war in der Landschaftsversammlung Westfallen-Lippe. Und da ist eben dieses ganze Thema Integration, Behindertenschulen, Behindertenwerkstätten eine riesen Angelegenheit gewesen. Deswegen kenne ich das auch und weiß, wie glücklich die sind. Ich stimme dir an dem Punkt zu, dass die etwas geben, dass sie stolz sind auf ihre Arbeit. Dass sie diese Arbeit auch wertschätzen und auch wertgeschätzt bekommen, weil sie eben das einbringen, was sie einbringen können. Also im originären Sinne ist es eine kreative Tätigkeit, die aber eben dann dem Markt nicht genügt. Deswegen findet das in diesem geschützten Rahmen statt. Wenn du aber sagst, dass wir den Menschen glücklich machen sollen, indem wir seine Kreativität entfalten lassen, indem wir eben sagen, jeder wird gar nicht mehr bemessen von Dritten, von Kunden oder vom Auftraggeber, sondern er entfaltet sein Potenzial, dann würden wir ja kollektiv diesen Behindertenwerkstattgedanken leben. „Hauptsache du tust was Nützliches.“ Und das wäre mir zu wenig. Die pure Freude am Sein reicht mir nicht aus. Ich erwarte einen Einsatz, eine Leistung, einen inneren Antrieb, eine Schaffenskraft. Und wer die nicht mitbringt, der muss im Grunde für sein Verweigern auch irgendwo bestraft werden.

Annette Müller: Also ich höre, dass du jemanden suchst, der dient. Der eine Dienstleistung vollbringt. Ich sehe es aber anders. Ich sehe, dass Menschen dienen möchten, die sich tatsächlich in ihrer Fülle und ihrer Ganzheit entfalten können. Das heißt, die wollen aufs Tablett bringen, was sie tatsächlich draufhaben. Und das wird eben durch falsche Belohnung und falschen Tadel einfach unterbunden. Wenn wir jetzt zum Beispiel dieses Prinzip, noch mal die Behindertenwerkstatt, anschauen. Du sagst, du siehst, dass diese Menschen glücklich sind. Weil sie in der Lage sind, ihren Beitrag zu leisten. Ich wette mit dir, dass diese Menschen wirklich ihr Bestes geben. Einfach weil sie Freude daran haben, das Beste zu geben. Jetzt sind sie halt nun mal behindert, und das, was sie tun, wird von uns nicht so gebraucht. Aber stell dir vor, jedem Menschen würde die Gelegenheit gegeben, schon von der Erziehung her, es für das allerhöchste und erstrebenswerteste Gut zu halten, immer und ständig sein Bestes zu geben, aus der Fülle und aus der Freude heraus. Was hätten wir für eine traumhafte Gesellschaft.

Falk Al-Omary: Und dem widerspreche ich überhaupt nicht. Das ist ja genau das, was ich fordere. Aber die meisten Menschen arbeiten eben nicht mit Freude. Sie sind nicht bereit, etwas zu geben. Und sie sind auch nicht bereit, das Gute in ihrer Tätigkeit zu erkennen. Sondern sie machen das mit einem Widerwillen, weil sie eben nur nehmen wollen. In der Zielbeschreibung sind wir uns völlig einig. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch dazu geboren ist, stinkend faul in der Ecke zu liegen. Das ist mal schön, aber auf Dauer irgendwie auch nicht so fürchterlich erfüllend. Und ich glaube auch, dass jeder irgendetwas einbringen könnte. Mir geht es auch nicht darum, dass jeder jetzt irgendwie Einstein sein muss oder Raketen bauen muss oder der beste Kellner sein muss oder der beste Müllmann oder wie auch immer. Mir geht es gar nicht darum. Aber jeder muss doch irgendetwas einbringen. Und ich stelle fest, dass viele Menschen widerwillig etwas einbringen. Ich stelle fest, dass Menschen etwas mangelhaft einbringen. Ich stelle fest, dass Menschen dieses Einbringen als Bestrafung empfinden. Das kumuliert dann häufig in den beliebten Radiosendungen: „Hey, es ist wieder Wochenende.“ Also ob dann am Freitagnachmittag das Sklaventum im Job enden würde und das Leben nur Freitag, Samstag, Sonntag stattfände. Das ist doch eine Haltung, die zu einer Nivellierung an Arbeit führt. Die aber auch nicht mit einer Reduzierung von Ansprüchen einhergeht. Ein Hartz IV Empfänger, der sagt: „Ich lebe eben auf dem Niveau“, der hat sich ja irgendwie noch angepasst und nivelliert. Aber es gibt viele Typen im Job, die wollen ein riesen Gehalt haben, sind aber im Grunde die faulsten Hunde. Das sind Parasiten im System, die aber hohe Ansprüche stellen. Und da passt es eben nicht. Erkenne dich selbst, finde deinen Platz. Und wenn du eben nicht performen willst, wenn du nicht bereit bist, etwas rein zu tun und eben nicht eine Hingabe zu dem Job hast, ey – dann verlasse bitte das System und geh anderen nicht auf den Zeiger. Das tun sie aber nicht, weil viele Parasiten sind. Und da bin ich bei dem Thema, die Menschen sind in Teilen wirklich böse, weil sie nur rausziehen. Weil sie auf Kosten anderer leben. Weil sie alimentiert werden. Das nicht nur monetär, sondern auch emotional, mental und sozial.

Annette Müller: Ja, das ich sehe genauso wie du. Jetzt haben wir schon wieder einen gleichen Nenner. Also ich versuche jetzt hier, irgendwie mit dir kontrovers zu diskutieren und wir kommen immer wieder auf den gleichen Nenner. Was soll ich denn tun? Also komme ich wieder zu meiner Meinung zurück, am Anfang waren wir gut. Was ist passiert?

Falk Al-Omary: Das kann ich dir ehrlich gesagt nicht sagen. Weil ich das auch ein bisschen als Generationenthema erlebe. Ich nehme schon wahr, dass in meiner Generation viele bereit sind, sich noch reinzuhängen und Leistung zu bringen. Ich glaube aber, dass das immer weniger wird. Ich glaube, das ist eine Anspruchshaltung. Ich meine, wir hatten in einer anderen Podcast-Folge mal das Thema der Helikoptereltern, die auf alles aufpassen und die Kinder so verhätscheln. Das hat sicherlich auch Auswirkungen. Das ist auch ein Stück weit ein gesellschaftlicher Trend. Aber wir stellen auch fest, dass Prinzipien wie Leistung, wie Wachstum, wie Entfaltung, wie wirtschaftliche Prosperität am Ende auch verteufelt werden. Ich sehe das auch an vielen meiner Facebook-Posts. Wenn ich eine Stelle ausschreibe oder wenn ich mich äußere zu dem Leistungsgedanken, dass dann sofort eine Meute losgeht: „Wie kann man so was nur verlangen?“ Work-Life-Balance und so Dinge kommen dann eben. Du bist ja abnorm, wenn du das Leistungsprinzip zu deiner Lebensmaxime machst. Da bist du ja ein Fremdkörper. Da bist du ja verachtenswert. Und das macht mich ehrlich gesagt wahnsinnig. Dass wir aberzogen bekommen das Thema Leistung, das Thema stolz auf unsere Arbeit, das Thema, auch durchaus wachsen wollen. Auch gerne mehr verdienen wollen, mehr Erfolg haben wollen, mehr Anerkennung bekommen wollen. Das wird uns ja alles abtrainiert. Und der Gipfel dessen ist dann Greta Thunberg und die Klimabewegung, die alles planieren wollen, da das ist ja am Ende alles böse. Denn dein Egoismus macht die Gesellschaft kaputt. Und da kriege ich dann, ich sage das sehr deutlich, das kalte Kotzen. Das ist alles Leistungsverweigerung, Nivellierung, Akzeptanz von Blödheit, Förderung von Mittelmaß, Gleichmacherei auf dem Level der Dümmsten. Und es kann nicht sein, dass wir uns auf dem Level der Dümmsten bewegen. Wir müssen die Elite stattdessen fördern.

Annette Müller: Ich würde da ganz gerne die Vogelperspektive wieder einnehmen und mich der Philosophie zuwenden. Weil, wenn wir alles mit dem Vergrößerungsglas betrachten, verlieren wir uns in diesen Einzelheiten. Ich glaube auch nicht, dass die Eltern unbedingt schuld sind. Sondern ich glaube, dass wir wirklich menschliche Ideale aus dem Augenmerk verloren haben. Und wenn wir uns den hohen Werten, dem Schönen, dem Guten, dem Wahrhaftigen zuwenden, also wirklich diesen ganz großen menschlichen Werten, denen wir ja nachstreben wollen oder sollten, damit wären schon ganz viele Probleme gelöst. Weil wir ja andere Werte haben, die unsere Lebensgrundlage dann sind. Und diese Werte sind gut. Der Mensch am Anfang ist gut und wird dann rausgezogen aus diesem Guten. Ich glaube, dass das ganze System, die ganze Funktion unserer Welt global auf der ganzen Erde uns von unserer eigenen, von unserem eigentlich menschlichen Dasein, vom Mensch sein, wegzieht. Und dieses Wegziehen von guten Menschen dazu führt, dass wir diese Verweigerer haben. Und dass wir wirklich auch diesen falschen gesellschaftlichen Zielen einfach auf den Leim gehen und glauben, mit wenig Arbeit so viel wie möglich zu verdienen und dann das Leben zu genießen. Mit diesem Konsum, mit jenem Konsum, mit diesem Status und jenem. Dass wir auf diese Lüge eben reinfallen. Und da glaube ich, hilft die Philosophie, uns selbst wieder zu finden.

Falk Al-Omary: Ja, das mag alles sein. Und ich glaube auch, dass der Mensch am Anfang gut ist. Also als Kind haben wir gar nicht so gedacht. Da haben wir uns halt gefreut, satt, sauber und trocken. Und dann war das irgendwie ja auch gut. Dann wurden wir angelächelt und haben zurückgelächelt. Das mag ja alles so sein. Und ja, das ist eine Frage von Erziehung. Ob das jetzt Eltern sind oder Schule oder die Gesellschaft oder die Medien oder Umwelteinflüsse. Das lasse ich alles mal dahingestellt sein. Aber wir müssen auch als erwachsene Menschen den Istzustand einfach sehen. Und du bist selbst als Bewusstseinsevolutionärin unterwegs. Welches Bewusstsein haben wir in den letzten Jahren denn gewonnen? Wo haben wir uns denn hin entwickelt? Wir sind denkfaul, wir sind arbeitsscheu. Wir sind total auf das Kollektiv fokussiert, weil wir uns da ausruhen können. Aber auf das Negativste auch egoistisch, weil wir irgendwie versuchen rauszuziehen. Wir suchen uns immer das raus, was uns am meisten dienst. Das ist nicht verwerflich und im Grunde ist es auch zutiefst menschlich, weil es auf eine Art und Weise natürlich ist. Aber das kann uns doch als Gesellschaft so nicht weiterbringen. Und es findet eine Ausprägung, dass Wirtschaften, miteinander etwas erreichen, immer unmöglicher wird. Und nur noch ganz wenige Leistungsträger den Wohlstand und alle anderen nur alimentiert und bräsig durch die Gegend rennen.

Annette Müller: Jetzt habe ich wahrscheinlich das Glück, dass ich wenige solcher Menschen in meinem Bekanntenkreis habe. Deshalb kann ich das nicht ganz so nachvollziehen. Ich kann es aber durchaus nachvollziehen, wie du es siehst. Obwohl ich ja eben nicht einfach Leistung einfordern kann, indem ich sage: „Tu gefälligst das, wozu du da bist.“ Sondern es ist auch eine Art der Motivation. Was motiviert mich? Was motiviert mich als Mensch? Da komme ich wieder zurück, ich möchte als Mensch in der Lage sein, mein Bestes zu geben. Wie auch ein Kind am allerliebsten immer sein Bestes gibt. Wenn ein Kind dabei ist, irgendetwas zu basteln, und du stoppst es nicht, hört es nicht auf. Das bastelt über Stunden, das bastelt bis in die Nacht hinein. Das hört nicht auf. Warum? Weil es sich selbst darin findet. Es ist das größte Glück der Erde, jetzt in diesem Moment zu basteln und etwas zu schöpfen. Gut, mit diesem Gekritzel können wir Erwachsene nichts anfangen. Aber wir als Erwachsene, wir tun ähnliche Dinge. Und wenn man uns lässt und wenn man dieses fördern würde – aber leider sehe ich das in unserer Gesellschaft eben nicht, dass das gefördert wird. Sondern wir werden passend gemacht. Es wird abgeschnitten. Wir werden hier eingehängt, dort eingehängt, damit wir genau nur das bedienen, was du jetzt zum Beispiel forderst. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wenn es möglich wäre, wirklich sein Bestes zu geben, weil man es will, dass dann, wenn du jemanden suchst, von dem du diese Voraussetzungen hast, dass er den Job machen soll, der dann sogar noch viel mehr leisten würde, als du überhaupt verlangst.

Falk Al-Omary: Ja, das ist ein Teil der Wahrheit. Ich finde den Gedanken schon richtig. Aber noch mal, es gibt halt bestimmte Aufgaben, die müssen erfüllt werden. Und es ist ja nicht so, dass man sich als Unternehmer einen Menschen von der Straße holt und sagt: „Du hast dich jetzt in dieses Korsett zu pressen und du musst jetzt so arbeiten.“ Sondern der Mensch bewirbt sich auf eine Stelle und verspricht dort, sein Bestes zu geben. Er wird dafür bezahlt. Und er hat ein Versprechen, ein Commitment abgegeben. Er hat versprochen, eine Verantwortung zu übernehmen für ein Ziel. Und das Ziel besteht eben darin, seine Funktion so zu erfüllen, dass er selbst das Ziel erreicht oder das andere das Ziel erreichen. Das Unternehmen als Ganzes sein Ziel erreicht. Und viele Menschen versprechen zu viel und beherrschen nicht, was sie gesagt haben, was sie beherrschen würden. Viele Menschen fordern etwas, was sie dann am Ende gar nicht verdient – im Sinne von erwirtschaftet – haben. Es ist ein gebrochenes Versprechen. Es ist ein gebrochenes Commitment, es ist ein Verrat an sich selbst, an seiner eigenen Leistung und am Arbeitgeber. Da liegt der Knackpunkt. Es ist doch nicht so, dass ich, wenn ich den Menschen nur genug Freiraum lasse, ein gutes Ergebnis kommt. Nein, der kommt halbfertig, verspricht das Blaue vom Himmel, performt zwar, hält aber die Hand auf. Das ist die Realität des Menschen. Es gibt keinen Mangel an Förderung. Es gibt einen Mangel begründet im Ausnutzen von Freiheit der eigenen Stelle. Und es gibt einen Mangel an Verantwortungsübernahme. Mit dem Maul sind sie alle ganz groß. Aber nachher im Doing, da kommt dann am Ende nichts raus. Und da kann ich fördern, wie ich will.

Annette Müller: Hast du jetzt gerade von Leuten gesprochen, die für dich arbeiten sollen? Oder hast du gerade von der Politik gesprochen?

Falk Al-Omary: Ich kann das ganz global sagen. Ich kenne das aus meiner eigenen Firma, ich kenne das aus anderen Unternehmen. Ich beobachte es jeden Tag als Konsument von Dienstleistungen, sei es in Restaurants oder im Handel. Und ich beobachte es auch in der Politik. Also das siehst du quasi an jeder Ecke. Es kann mir niemand erzählen, dass er es nicht selbst auch mal so gesehen hat und so wahrnimmt. Alles andere wäre einfach eine komische Schönrednerei.

Annette Müller: Ja, ich kenne das auch. Das kenne ich sogar sehr gut. Ich habe gerade schmunzeln müssen, weil ich das, was du beschrieben hast, bei den Politikern sehe. Vor der Wahl wird viel gesprochen und man wird belogen von hinten bis vorne. Bis man dann den Job hat – dann wird alles ganz anders gemacht. Wenn wir solche Vorbilder haben, wenn wir es sehen, was oben in den obersten Etagen geschieht, dass diese Menschen genauso zu dem kommen, was sie wollen. Und zwar zu viel Geld, viel Macht und viel Einfluss und einer ruhigen Kugel und alles Mögliche, wie soll dann die Gesellschaft anders sein. Wir brauchen doch gute Vorbilder. Ich kenne keine guten Vorbilder. Ich versuche selbst ein gutes Vorbild zu sein. Weil wir das im Moment brauchen.

Falk Al-Omary: Ich behaupte auch ein gutes Vorbild zu sein, weil ich einfach wahnsinnig viel arbeite. Und weil ich meinen Mitarbeitern und meinem Umfeld einfach versuche, eine Philosophie vorzuleben. Eine Philosophie des Fleißes. Eine Philosophie der Qualität. Eine Philosophie des permanenten Ansprechbarseins, um aus den Themen, die die Kunden haben, dann das beste Ergebnis heraus zu reproduzieren. Ich rede nicht über Freizeit und stelle nicht mein erbärmliches Privatleben über die Interessen der Menschen, die mich am Ende bezahlen. Aber andere tun das nun mal. Und was kannst du von einem Politiker erwarten? Der ist öffentlich alimentiert. Ein Politiker schafft keinen Wert. Das ist auch kein Politiker-Bashing, das gilt für die öffentliche Verwaltung und andere Bereiche ganz genauso. Und ich habe lange im System Politik gearbeitet. Ich verstehe auch, warum am Ende manche Dinge nachher nicht eins zu eins umgesetzt werden können, wie sie versprochen wurden. Das ist schon systemimmanent. Und am Ende nennt man das dann auch Demokratie, wenn man einen Kompromiss finden muss. Kann ich alles verstehen. Aber da, wo wir einen Einflussbereich haben, für unseren eigenen Arbeitsplatz, für unsere eigenen Versprechen, die wir zu halten in der Lage wären, für unsere eigenen Unternehmen, für unseren eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, selbst da sind wir doch nicht bereit, konsequent unsere Versprechen zu halten, um das gewünschte und geforderte Ergebnis zu liefern. Und das geht meines Erachtens nicht. Ein guter Mensch steht zu seinem Wort und ist auch bereit, mal draufzuzahlen und Verlust zu machen, um sein Wort zu halten. Das ist meine Erwartung. Und da ich das nicht erlebe, halte ich die meisten Menschen für schlecht oder für dumm, weil sie nicht in der Lage sind, das einzuhalten und das zu erkennen.

Annette Müller: Oder es nicht wollen. Oder vielleicht auch nicht können. Es gibt ganz viele Gründe dafür. Ich möchte auf gar keinen Fall diese Menschen, die du jetzt gerade beschreibst, in irgendeiner Art und Weise verteidigen. Ich möchte trotzdem wieder zurückgehen zur Ursache. Für mich sind die Ursachen definitiv die falschen Ideale, falsche Leitung. Wir sind definitiv als Menschheit aufs Glatteis geführt worden, indem uns das Menschsein abtrainiert wurde. Und da sehe ich eben auch diese Leistungsverweigerung drin. Also ich halte es für eine Leistungsverweigerung. Ich möchte es noch ein bisschen tiefer führen, bitte nicht auf deine persönliche Situation sehen, sondern im Allgemeinen. Ich halte es für eine Leistungsverweigerung zu sagen: „Hier ist jetzt Schluss, ich habe da keine Lust mehr mitzumachen. Meine Privatleben ist schließlich meine Lebensqualität“ und gleichzeitig ist es schon auch ein richtiger Schritt, sich selbst und das Leben und das System zu versuchen in richtige Bahnen zu lenken. Weil ja viele verweigern, weil sie spüren, da stimmt irgendwas nicht. Selbstverständlich versuche ich, in meinem Unternehmen eben auch mit Leuten zu arbeiten, die mich und sich selbst in diesem Unternehmen auch nach vorne bringen. Weil wenn wir nach vorne kommen, können wir umso mehr bewirken, was uns ja eine ganz große Freude ist. Also das halte ich für eine Triebkraft, die Freude. Und wir haben hier einfach in einer solchen Leistungsgesellschaft viel zu wenig Freude, weil der schnöde Mammon, der bringt uns ja nur im zweiten Schritt die Freude. Wir sind von der Gesellschaft so erzogen, dass unsere Freizeit und der Urlaub, dass wir dafür leben, dass wir dafür arbeiten. Dass wir dann erst beginnen zu leben. So wie du sagtest: „Thank god, it’s friday.“ Das ist meiner Meinung nach richtig. Warum ist das richtig? Weil es so gemacht wurde. Arbeit ist etwas Schlechtes. Mit Arbeit verdirbt man sich das ganze Leben. Deshalb ist es meiner Meinung nach falsch, so etwas zu fördern. Sondern für mich ist es wichtig, so zu leben und zu arbeiten, als wäre man glücklich, so glücklich wie die Behinderten in der Werkstatt. Einfach weil sie ihr Bestes geben dürfen, und das gewürdigt wird. Habe ich mich da jetzt verhaspelt, oder?

Falk Al-Omary: Nein, das ist schon klar. Nur ziehe ich eine andere Konsequenz daraus. Wenn du meinst, dass dein Job am Freitag endet und dann dein Leben erst beginnt. Oder wenn du eben meinst, der Urlaub ist jetzt das eigentliche Leben und die Arbeit ist eigentlich eine Bestrafung. Dann ändere gefälligst dein Leben und verlasse den Job. Aber höre dann auf, anderen auf den Keks zu gehen. Es steht jedem frei, mein Unternehmen oder das andere Unternehmen zu verlassen. Und dann suche ich mir Leute, die Bock auf das haben. Aber dazu sind die ja auch zu feige, weil sie natürlich sich gerne in ihrer Hängematte ausruhen wollen. Das, was sie da tun, das können sie ja irgendwie gut. Auf was Neues haben die auch keine Lust. Die sind ja sogar noch aus Feigheit und Bequemlichkeit heraus auf eine Art und Weise loyal. Und das ist eben auch inakzeptabel. Ich erwarte zu jedem Zeitpunkt von jedem Menschen Höchstleistung. Und wenn er nicht bereit ist, die zu geben, dann ist er am Ende ein Parasit. Weil irgendeiner das bezahlen muss.

Annette Müller: Was jetzt bei mir wirklich total hängen geblieben muss, ist vielleicht sogar ein neues Podcast-Thema. „Aus Feigheit und Faulheit loyal sein“, das halte ich für spannend. Was sagst du dazu?

Falk Al-Omary: Ja, lass uns das machen.

Annette Müller: Das machen wir. Und wir freuen uns dann darauf, wenn Sie das nächste Mal wieder zuhören. Vielen Dank fürs Dabeisein. Bis zum nächsten Mal.

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