Episode #32 Menschlichkeit beginnt bei mir

Annette Müller: Herzlich willkommen beim Podcast Gedanken zur Menschlichkeit. Heute ist mein Gesprächspartner Harry Flint. Harry, herzlich willkommen! Ich freue mich sehr auf unser Gespräch. Unser Thema heute ist: Menschlichkeit beginnt bei mir. Und du bist Medienprofi und Familienmensch. Es heißt, Familienmenschen haben ja ganz viel Herz und Menschlichkeit. Ich würde gerne in dieses Gespräch mit der Frage einsteigen: Was ist überhaupt Menschlichkeit?
Harry Flint: Hallo, Annette. Schön, dass wir das zusammen machen können. Menschlichkeit, ja. Du hast gesagt, ich wäre Medienprofi. Als Mensch bin ich Medienprofi. Ich bin eigentlich als Familienmensch zum Medienprofi geworden. Und dadurch habe ich die Menschlichkeit entdeckt. Wie findest du denn das?
Annette Müller: Ich frage mich noch immer: Was ist Menschlichkeit?
Harry Flint: Ich glaube, das ist die Gabe, miteinander Umgang zu haben. Mensch zu sein bedeutet ja biologisch etwas und psychologisch wahrscheinlich auch. Und ich interpretiere es mir ganz einfach: Sei in der Lage, den Umgang mit anderen zu ertragen oder zu gestalten.
Annette Müller: Wenn ich jetzt in Familien schaue: Da haben wir ja alle irgendwie eine ganz individuelle Vorstellung von unserer Menschlichkeit. Jemand, der mit jemandem anderen ungut umgeht, hält sich vielleicht auch als menschlich. Weil er dem anderen durch sein ungutes Umgehen vielleicht auch irgendetwas Gutes tut.
Harry Flint: Das ist ein guter Ansatz, so zu denken. Menschlichkeit hat auch, glaube ich, nicht immer eine klare Regel. Menschlichkeit ist interpretierbar. Jeder von uns versteht unter Menschlichkeit auch etwas anderes. Allgemein, würde ich versuchen zu sagen, ist jemand, der als menschlich bezeichnet wird, jemand, der einfühlsam ist. Der den anderen im Blick hat, der das Miteinander stark bewertet, und der nicht nur sich sieht. Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit liegen für mich ganz nah beieinander.
Annette Müller: Der Titel unseres Podcasts ist: Menschlichkeit beginnt bei mir. Also, ich möchte mal ein bisschen was von mir erzählen, was ich an mir menschlich finde. Ich empfinde Menschlichkeit bei mir Authentizität. Also, wenn ich zum Beispiel Schwäche zeige und nicht immer stark bin, empfinde ich mich als sehr menschlich. Wenn ich anderen Menschen begegne und mich in denen reflektiert sehe und reagiere und zwar immer authentisch, empfinde ich mich als menschlich. Unmenschlich empfinde ich mich, wenn ich mich in irgendeiner Art und Weise schützen oder zurückziehen muss. Oder Härte zeigen muss, die ich eigentlich gar nicht zeigen will. Ich empfinde mich zum Beispiel als unmenschlich, wenn ich Fleisch esse, was ich sehr gerne tue. Aber dann habe ich ein schlechtes Gewissen der Tiere wegen, die sterben.
Harry Flint: Ja. Interessanter Ansatz, dass man so Menschlichkeit definiert. Ich bin jemand, der gern nach vorne geht, der gerne Dinge gestaltet. Der proaktiv ist und dabei vielleicht auch manchmal menschliche Züge zurückstellt, wenn man die menschlichen Züge auf die Achtung der anderen reduziert. Und dann entdecke ich immer wieder, dass ich mich zwischendurch dabei bremsen muss, nach vorne zu gehen, um die Menschen, die um mich herum sind, auch wieder zu erreichen und mitzunehmen. Ist insofern komisch, als dass ich auch als Medienmensch die Dinge medial tue, um andere zu erreichen. Und das ist auch das Interessante. Deswegen freue ich mich, dass du mich zu dem Podcast eingeladen hast. Weil ich glaube: Das ist das stetige Streben nach, nicht Gutmenschsein, sondern nach dem Menschsein. Wir haben alle die Verantwortung, uns zu reflektieren. Und das tun wir allein schon, dass wir diesen Podcast aufzeichnen. Was tust du eigentlich, was tue ich eigentlich, um anderen Menschen ein Signal des Für-sie-da-seins zu zeigen? Und da weiß ich von ein, zwei, drei, zehn Signalen, die ich, glaube ich, sende. Das macht mich zufrieden.
Annette Müller: Ich habe jetzt das Wort Gutmensch gehört und möchte wirklich sofort einhaken. Das Wort Gutmensch ist zu einem Schimpfwort mutiert. Was ist ein Gutmensch? Und warum kritisieren andere eben diese in Anführungsstrichen Gutmenschen? Und was ist das genau? Was verstehen wir darunter?
Harry Flint: In meinem Sprachraum gibt es das Wort eigentlich gar nicht. Wundert mich total, dass ich das gerade überhaupt benutzt habe. Aber ich glaube, ich habe beschrieben, wie es diese Gutmenschen gäbe. Ich selber benutze das Wort in der Beschreibung bei Charakterisierung von Gegenübern eigentlich gar nicht. Ich finde es auch nicht verwerflich. Ich finde es auch nicht problematisch, dass es gute oder Gutmenschen gibt. Gutmenschen sind Menschen, die sich Gedanken um andere machen. Das ist ja quasi die Steigerung von dem, was ich unter Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit versuche, für mich zu definieren. Und damit kann ich denen nicht absprechen, dass sie einfach das Gute im Sinn haben. Was wahrscheinlich mit den Gutmenschen, und deswegen wurde es vielleicht zum gesellschaftlichen Schimpfwort, wenn du sagst, wurde, ist: Dass man die Leute, die immer Eintracht suchen, Leute, die Gemeinwohl suchen, Leute, die die Summe aller Individualmeinungen versuchen gemeinschaftlich zu sehen, als zu konsensorientiert sieht. Auch in einigen deiner Podcastfolgen, nehme ich das ja immer total interessiert zur Kenntnis, geht es ja oft auch auf diesen Diskurs. Und dass man eben Meinung auch mal bekennen muss. Und dass man auch mal nicht nur im Einklang leben muss, um auch mal neue Lebensformen, neue Denkformen zu erachten. Und für mich geht beides, Diskurs und Menschlichkeit, trotzdem im Einklang. Denn ich will auch ein Mensch sein, der nicht immer nur nach dem Gemeinwohl spricht oder denkt. Ich würde gern jemand sein, der aber mit meinen Ideen, mit meinem Vorangehen anderen Menschen, es muss nicht vorbildlich sein, aber Wege aufzeigt, die man vielleicht mitgehen könnte. So versuche ich zu sein. Und das ist auch menschlich: dass ich mich anbiete als eine Person, mit der man irgendwo hingehen kann. So empfinde ich Menschlichsein. Als Gutmensch dann, wenn man das so möchte.
Annette Müller: Also, die Verkörperung eines Gutmenschen möchte ich mal beschreiben. Für mich ist ein Gutmensch jemand, der erträgt, dass jemand anders ihm auf dem Fuß steht und dort nicht runtergeht. Und zwar so schwer zutritt, dass es weh tut, dieser Gutmensch aber dennoch sagt: „Ich habe dich lieb. Und du stehst auf meinem Fuß, und das tut mir weh. Und ich verstehe dich. Und deshalb kann ich das ertragen. Weil: Würde ich dich jetzt dort herunterschieben mit Gewalt, wäre ich ja kein Gutmensch mehr.“
Harry Flint: Ja. Wer mir auf den Fuß tritt, das würde ich ihm dann schon sagen. Ja, und wenn ich ihn runterschiebe und er bleibt trotzdem stehen und erträgt das für mich: Warum soll man das nicht zulassen? Die nächsten Gutmenschen, die wir alle sehen, sind wohl unsere direkten Partner. Das scheinen die Ehepartner oder die LebenspartnerInnen oder Partnerschaften zu sein.
Annette Müller: Die dich ertragen? Oder wie habe ich das jetzt zu verstehen?
Harry Flint: Ja, provokant ein Stück weit schon. Jede Lebensgemeinschaft ist auch ein Stück weit gelebter Kompromiss aus allem. Wer mir erzählt, dass eine Partnerschaft, Ehe oder lebens-, eheähnliche Partnerschaft auf maximaler, totaler, ewiger Eintracht fußt, und dass die Ehe, diese christliche Ehe, das einzige Lebensmodell sein soll: Das ist ja ein Traumtanz. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. Nein. Es gibt da natürlich Dinge, die man an dem anderen auch mal nicht gut findet und wo man Bereitschaft zeigt, Gutmensch zu sein im Interesse des anderen. Weil man eigentlich mit seinem Gutmenschentum, jetzt bleiben wir doch bei dem Wort, hilft, dass die Beziehung überhaupt möglich ist. Man toleriert die. Ich finde das Wort Toleranzmensch viel besser. Das wird nur nicht benutzt. Der Toleranzmensch ist der, der auch mal Dinge zulässt, die nicht in seinem Kern so sind.
Annette Müller: Sind wir im Allgemeinen zu tolerant oder zu wenig tolerant?
Harry Flint: Beides. Die Verniedlichung von Standpunktbeziehung mag ich nicht. Ich mag Standpunkte. Ich mag für eine Meinung, ich mag für einen Standpunkt eintreten, in der privaten Welt, in der beruflichen Welt, in der gesellschaftlichen Umgebung. Das wird verniedlicht. Das gibt kaum noch Standpunkte. Und durch diese mangelnden Standpunkte gibt es kaum noch Orientierungspunkte, an denen man sich ausrichten kann. So wird verharmlost, was eigentlich Meinung sein kann. Oder? Und wenn ich nicht der bin, der diese Meinung äußert, ohne sie zu verhärten, sondern sie einfach gut argumentiert in den Raum stellt oder lebt, dann haben andere Menschen die Möglichkeit, freie Gesellschaft, sich diesem Bild anzuschließen. Vielleicht diesem Wert anzuschließen, den ich damit repräsentiere. Oder mich laufen zu lassen, weil es nicht ihr Wert ist. Das muss doch fair sein. Das muss doch erlaubt sein. Wie auf dem Sportplatz, oder? Ich habe den Ball. Ich spiele ihn so und so in die und die Richtung. Also laufe ich mit dem Ball Richtung, wenn wir beim Fußball bleiben, gegnerisches Tor. Und wenn die anderen meinen, ich bin ein guter Ball- oder Spielführer, dann versuchen die mit mir gemeinsam, den Ball in das gegnerische Tor zu tragen. So könnte Gesellschaft auch interpretiert sein. Wenn sie stören, wenn sie hinten stehen bleiben, weil sie nur an Abwehr denken, dann bin ich vorne alleine und kriege den Ball nicht gepunktet. Und dann kommt die Angriffswelle zurück. Und dann stehen sie hinten in der Abwehr alleine. Weil, ich ja nach vorne bin. Also muss es eigentlich ein Teamgedanke sein. Deswegen beginnt für mich Menschlichkeit bei mir. Ich muss als Spielführer auf dem Platz mit meinen Teamplayern, mit meinen Mannschaftsmitgliedern gemeinsames Interesse haben, diesen Ball ins Tor zu schießen.
Annette Müller: Menschlichkeit. Was ist dann aber das Training, ein hartes Training? Ist das dann noch menschlich, oder ist das unmenschlich? Um ein Ziel zu erreichen, gemeinsam? Ich habe kürzlich eine junge Dame getroffen, die bei der Bodenturnolympiade dabei gewesen ist. Die hat mit sechs Jahren angefangen, hart zu trainieren. Die war im Team. Die war wunderbar. Und durch das harte Training, durch die Überstrapazierung des Körpers, hat sie tatsächlich schwere Krankheiten davongetragen und ist chronische Schmerzpatientin. Wo beginnt die Menschlichkeit? Wo hört da die Menschlichkeit auf, wenn wir jetzt an den Sport denken, an Mannschaftssport, an Training? Und du bist ein Leader. Wie weit treibst du die Menschen, damit sie gewinnen? Wo ist da die Grenze?
Harry Flint: Ich finde deine Vergleiche und Fragestellungen echt interessant. Die regen mich zum Nachdenken an. Manchmal brauche ich eine Sekunde auf dreieinhalb, um mich vorzubereiten, das gut zu beantworten. Es ist mal eine Anerkennung an die Art, wie du das Gespräch so mit mir führst.
Annette Müller: Ich würde mich freuen, wenn unsere Hörer auch über diese Gedanken nachsinnen, sozusagen.
Harry Flint: Lass mich es mal so versuchen: Also, ich komme aus dem Sport so. Ich bin Tennisspieler gewesen. Ganz als Kind war ich Fußballer. Dann war ich Tennisspieler. Das durfte ich ganz okay machen bis ziemlich erfolgreich. Und dann war ich Baseballspieler. Und als Baseballer hatte ich auch Glück, das ganz gut machen zu können, und hatte daraufhin mein Unternehmen auch gegründet, als Veranstalter von Camps. Und da war ich immer ein Driver. Da habe ich immer gesagt: „He, Kids, let us go! Let us go, not fear, then do some sport!” Ich hatte nie diesen Aspekt, den die amerikanischen Trainer. Baseball ist eine uramerikanische Sportart. Da geht es immer um: „Winning is everything.“ Das war nie mein Antrieb. Also, Finalist war nicht gut genug. Es musste gewonnen werden. Das ist so der Leitgedanke des amerikanischen Sports. Den habe ich in mir so nicht getragen. Ich habe immer gesagt: „Get up to the best you can be!” Also: “Sei immer so gut, wie du irgendwie kannst, und sei nie der Zweifler deiner eigenen Fertigkeit! Du wirst den Ball treffen.“ In Baseball trifft man den geworfenen Ball. Wenn du ihn treffen willst. Du hast die Einstellung zu haben: „Triff!“ Und du fragst mich heute, ob das noch menschlich ist, wenn ich ihn zu seinen Leistungen anrege? Weil, das tue ich ja als Trainer. Als Mitspieler tue ich das auch. Und ich finde: Ja, total. Weil, ich mich kümmere. Ich kümmere mich unmittelbar um einen Mitmenschen, dass der ein Leistungspotential in sich erkennt oder auslebt, das er vielleicht alleine gar nicht ausleben würde, wollte oder könnte. Und damit ist das urmenschlich. Das ist total mitmenschlich, dass ich ihm dabei helfe, etwas zu entdecken, was er ohne mich als Mannschaftsmitspieler oder Coach gar nicht entdeckt hätte. Und wenn er das dann zurückgibt, indem er das dann annimmt und beim. Du sprichst vom harten Training. Das harte Training erwidert, wenn wir hartes Training brauchen, dann ist das urmenschlich von ihm, dass er mir helfen möchte, Erfolg zu haben. Wenn es im Sport um Erfolg geht, ist das auch menschlich, weil: Man macht für gewöhnlich Liga oder-, Leistungssport war es bei mir, um gute Resultate zu haben. Man möchte eigentlich gewinnen. Das ist erst mal die DNA vom Leistungssport. Vom Mannschaftssport möchte man auch lieber gewinnen als verlieren. Es gibt aber auch Sportarten, da muss man gar nicht zwingend gewinnen. Da macht man den nur zum Zeitvertreib, weil man gerne diese Sportart macht. Ich denke an Kitesurfen. Ich denke an Boule. Da muss ich nicht gewinnen. Da geht es mir um dieses freizeitliche Miteinander. Weil, da ist Menschlichkeit gar nicht von Leistung geprägt, sondern von dem schönen Zeitvertreib.
Annette Müller: Menschlichkeit im Teamsport kann ja auch bedeuten, dass der einzelne Spieler über sich hinauswächst in diesen Teamgeist hinein und in diesem Teamgeist so etwas Magisches entstehen kann, wo man sich nonverbal unterhält. Das heißt, nonverbal verbindet und dann plötzlich wie ein Vogelschwarm oder eine Fischschule agiert. Das ist ja schon etwas Übermenschliches. Das ist ja schon Bewusstseinsevolution. Wenn dann aber ein Teamplayer sozusagen an seine Grenzen kommt und vielleicht einen Unfall erleidet, oder in Gefahr gerät, einen Unfall zu haben, weil man ihn überfordert, dann schwächt das ja schon wieder das ganze Team. Wo ist da Menschlichkeit?
Harry Flint: Menschlichkeit hat eigentlich ein Stück weit versagt, wenn es überhaupt dazu kommt. Oder? Wenn ich den Teamgedanken lebe, und wenn ich in meiner Familie, in meiner Firma oder beim Sport, da sind wir gerade als Beispiel, Team sein will, dann muss ich mitbekommen, wenn da jemand nicht mitkommt. Und wenn der sich über sein Leistungspotential anstrengt und herausfordert, und wenn der früher Zerrungen kriegt oder Muskelfaserrisse kriegt, weil seine Muskulatur das nicht mitmacht, dann sagen gemeinhin die Leute: „Ja, der muss besser essen. Der muss sich besser dehnen.“ Es kann aber auch sein, dass er eine Stresssituation hat. Man nennt das ja den Ermüdungsbruch, ganz oft im Leistungssport. Und der kommt ganz, ganz selten. Aber wenn er kommt, kommt der so heftig, dass du teilweise an dem Ermüdungsbruch länger laborierst als an der Fraktur, also an dem durchgetrennten oder gebrochenen Knochen. Und es ist total wichtig, darauf Acht zu geben im Team. Du musst einfach spüren: Wie geht es den anderen Teammitgliedern? Mir fällt dabei ein Beispiel auch aus dem Fußball ein. Ich habe jetzt gerade seinen Namen nicht mehr zur Hand. Aber es gab mal einen Fußballnationalspieler, der hatte immer schon höchst depressive Phasen. Der war eines der größten Fußballtalente. Vor 15, 18 Jahren war der Spieler bei Bayern München. Vielleicht fällt einem der Podcastzuschauer sein Name ein. Er war ein echt tolles Talent. Ich glaube, zur Ära Lothar Matthäus war er einer seiner legitimen Nachfolger. Und das war ein Mittelfeldspieler. Es war ein Spielgestalter. Der war stark auf dem Feld. Aber offenkundig nach dem Feld brach es ihm immer wieder durch, dieses Leben. Er war depressiv. Der war am Ende so schwer depressiv, dass er seine Karriere beenden musste. Der konnte unter diesem medialen Druck, dieser Performance, dieser großen Fußballbundesligablase, konnte der gar nicht existieren. Und es gibt auch viele Menschen, die können ihre eigene Neigung im Spitzensport zum Beispiel gar nicht ausleben. Ich denke jetzt an das Thema auch Sexualität. Gerade im Männersport Fußball gibt es viele Menschen, die sich nicht trauen, zu ihrer sexuellen Ausrichtung zu stehen. Weil es einfach sich nicht schickt, das zu tun. Das finde ich einfach unmenschlich. Die sollen ihre Ausprägung leben können. Auch das wäre nur menschlich, würde der Verband, würden die Teams, würden die Manager das zulassen. Und dass es gar keine Furcht gäbe, welcher Couleur auch immer man ist, stehen zu können. Es gab einen Leichtathleten, da wurde ewig und drei Tage gemutmaßt: Ist das ein Mann oder eine Frau? So ein Vierhundertmeterläufer aus, ich glaube, karibischen Ursprungs. Eine Art neutrosexueller Mensch, wo man nicht wusste: Was ist denn das? Ja, und? So what?
Annette Müller: Ja. Das erinnert mich jetzt an ein Thema, was wir auch mal betrachten könnten. Und zwar: Wie sieht das aus mit Transgender im Damensport? Also, da gibt es ja auch große Diskussionen. Darf das zugelassen werden oder nicht? Aber das ist jetzt wieder ganz was anderes. Ich würde gerne diesen Teamgeist jetzt auf unsere Gesellschaft übertragen. Und zwar, wenn wir sagen: „Menschlichkeit beginnt bei mir“, das heißt: Ich müsste doch dann, wenn ich in der Gesellschaft einen Fortschritt und ein gewisses Ziel erreichen möchte… Was immer das ist. Ein schönes Ziel wäre, dass alle Menschen eben glücklich sind und sich entfalten könnten. Muss ich mich mehr oder weniger auch um meine eigene Menschlichkeit kümmern, damit ich diese ins Team einbringen kann? Wenn wir zu dem Depressiven zurückkehren oder zu dem, der überfordert ist, müsste der sagen: „Halt, stopp! Hier ist meine Grenze. Ich muss mich um mich kümmern, um gut funktionieren zu können und um mich selbst eben nicht zu torpedieren“?
Harry Flint: Sowas von klar. Und wie fängst du bei dir selbst an mit der Menschlichkeit? Es ist vielleicht leicht gesagt, noch schwerer getan, dass ich mich, glaube ich, besser beobachten sollte. Ich versuche das, dass ich immer wieder mal an mir runterschaue und überlege: „Wie hast du denn das jetzt gemacht? War das von Egozentrik, war das von Gemeinwohl, war das von Dingen getrieben, die für alle gut waren? Oder war das nur für mich gut? Oder habe ich etwas gemacht?“ Viele machen vieles für das Gemeinwohl und werden zur sprichwörtlichen Minna. Oder? Es ist so ein altgelebtes Begriffchen. Du wirst zur Minna, weil du immer für alle alles tust. Du denkst nie an dich selbst. Das war immer früher das Klischee dieser hyperumsorgenden Mutter. Dann, nach dieser Minna, kam irgendwann in der Neuzeit diese SUV, diese Helikoptermutter. Die fliegt um ihr Kind herum. Die fährt Kevin Justin zum Kindergarten bis vor die Tür und fährt noch einen von Papa als Dienstwagen deklarierten SUV mit 250 PS. Und Vater fährt mit der U-Bahn in die Arbeit, weil er noch einen zweiten Dienstwagen hat. Die machen alles dafür, den Wert Kind zur Familie zu bringen, glauben sie, verlieren und vergessen aber sich als Frauen wahrscheinlich. Du sprachst auch auf das Transgenderthema an. Die verlieren sich eigentlich ein Stück weit, sind dann nach der Mutterphase ganz oft mit 25 bis 40 Lebensjahren in so einer Familienhülle, weil sie da alles organisieren zu Hause. Der Mann durfte immer schon Karriere machen. Und dann kommen sie irgendwann mit 40 auf die Idee: „Wo blieb denn ich? Was ist denn mit meinem Leben? Was war ich eigentlich vor dem Kinderkriegen? Was war ich denn vor der Karriere meines Mannes?“ Das rückt sich gerade ein bisschen zurecht. Weil: Durch diese steigenden Kosten in unserem Land mussten viel mehr Mütter viel früher wieder arbeiten gehen als das noch vor zehn, fünfzehn Jahren war. Da war das fast Usus, dass die Frau noch zu Hause blieb. Oder? Ist es nicht so? Und heute sind ganz oft diese Frauen auch wieder im Job und wollen eigentlich diese Perfektionsmutter sein. Sie wollen das Kind organisieren. Sie wollen die Karriere nicht verlieren. Sie wollen dem Mann entsprechen. Sie wollen dabei SUV fahren. Nein, Spaß. Aber sie wollen in allen Bereichen funktional sein. Ich merke nur: Dabei verlieren die die Selbstreflexion, also ihre eigene Menschlichkeit. Und dann wohl den Frauen, die Ehepartner haben oder Ehepartnerinnen, muss man heute sagen, die ihnen dabei helfen, die wieder zurück zu entdecken!
Annette Müller: Also die richtigen Fragen stellen? Sich selbst infrage stellen.
Harry Flint: Runtergucken und sagen: „Was mache ich hier eigentlich gerade? Wo stehe ich eigentlich? Im Sumpf? Im Matsch? Auf einem Asphalt? Auf einem Schotter? Stehe ich fest? Bin ich geerdet? Stehe ich auf einem Zeh, auf einem Bein? Bin ich bodenständig?“ Und bodenständig muss ja nicht bieder sein. Sondern bodenständig heißt standfest. „Bin ich sattelfest in meiner Situation?“ Wenn ich mich derer sicher weiß, dieser Standfestigkeit, glaube ich, bist du auch gut vorbereitet auf Menschlichkeit. Weil, dann kümmerst du dich um andere Menschen. Du kümmerst dich um die Gefühle anderer, um die Sichtweisen anderer. Und das tut uns insgesamt, sehr viel mehr gut. Es täte uns sehr viel besser, würden wir öfters uns auch mal um andere kümmern.
Annette Müller: Das ist ein interessanter Gedanke. Also, ich möchte nochmal zusammenfassen: Sich selbst reflektieren, sich selbst infrage stellen und gleichzeitig trotzdem eventuell auch einen gewissen Egoismus leben. Und gleichzeitig aber auch nach anderen schauen. Also, das ist schon ein großer Spagat.
Harry Flint: Da muss der Mensch mal als Zehnkämpfer funktionieren. Du musst selbstbewusst genug sein, dass du dein Leben kennst. Dass du dich verstehst, dass du zu dir selber ein Selbstwertgefühl hast. Es wird in vielen Live Coachings von Selbstliebe gesprochen. Das ist so fremdartig, dass man sich selbst lieben soll. Ja, die dicke Person soll sich in dick auch lieben. Die dürre soll sich in dünn auch lieben. Der Muskulöse soll sich so lieben. Ja, gut. Viel mehr als Äußerlichkeit, geht es um die innere Liebe wahrscheinlich. Ich muss mich als Charakter kennen. Ich muss zu mir stehen. Ich muss das Gefühl haben: Ich bin in mir standfest, wie ich gerade meinte. Und damit kann ich auch menschlich sein. Weil ich mich dann verstehe. Und dann kann ich auf andere zugehen.
Annette Müller: Also, diese Selbstliebe ist ein wirklich wunderbares Thema. Und ich glaube mal, dass, wenn wir gesagt bekommen: „Du musst dich selbst lieben“, erst mal annehmen, dass das mit den Äußerlichkeiten gar nichts zu tun hat. Denn wenn jemand sich nicht liebt, dann kann er sich auch nicht lieben, je mehr er sich auch dazu zwingen will. Man kann niemanden lieben, weil man ihn lieben muss oder sollte, wenn man den nicht liebt. Das ist nicht möglich. Wer immer das versucht hat, wird scheitern. Und der wird wissen: „Ich bin gescheitert“.
Harry Flint: Ich habe da so ein Ding aus der Beziehung zu meiner Frau, die ich sehr liebe. Tatsächlich ist das so – wir haben da so einen Running Gag. Immer wenn mal was ist, was nicht so cool ist, weil man wieder mal auf eine Tretmine Charakterzug beim anderen gestoßen ist. Und glaubt es mir: Ich habe 100 Tretminen, auf die meine Frau stoßen kann, weil ich sowas von unperfekt bin. Und natürlich hat meine Frau auch ein, zwei nicht so starke Schwächen. Was meinte ich eigentlich gerade? Ich glaube, ihr versteht mich. Immer dann sage ich zu meiner Frau: „Das kann an meiner Liebe zu dir nichts ändern.“ Manchmal ist Liebe auch dazu da. Menschlichkeit und Liebe sind auch manchmal dazu da, bewusst auch in Phasen vorzudringen oder in Charakterzüge deiner Mitmenschen vorzudringen, die eben bewusst nicht stark sind. Sondern die auch von Schwäche geprägt sind. Dass da jemand neben dir ist, der dir sehr viel bedeutet. Der, genau wie du, eben nicht perfekt ist.
Annette Müller: Wobei ich ja jetzt wirklich sehr, sehr gerne mit dir streiten würde. Weil ich behaupte: Es ist viel einfacher, jemanden anderen zu lieben als sich selbst.
Harry Flint: Ja, lasse ich stehen. Ich würde nicht von Selbstliebe bei mir sprechen. Aber ich bin halt selbstbewusst, selbstreflektiert. Ich weiß, wo meine Standfestigkeit herkommt. Und die verteidige ich. Und in der Tat wünsche ich vielen Menschen, die das hier heute hören, dass die sich selber empfinden. Dass die sich selber erkennen, reflektieren, und dass die nicht zur Minna oder zur Helikopterperson werden. Sondern dass die viel mehr sich um sich erst mal kümmern. Weil sie mit sich im Reinen sind, dadurch anderen Menschen gerne etwas geben, was die anderen Menschen, wenn die dann auch gut gesattelt sind, auch gut erkennen können, wird das ein echt menschlicher Haufen. So eine Bunch.
Annette Müller: Also, können wir jetzt das Fazit aus unserem Gespräch ziehen, dass Menschlichkeit tatsächlich bei jedem einzelnen erst einmal beginnt? Und dass ein Fördern der Selbstliebe zu mehr Menschlichkeit führt?
Harry Flint: Ja. Dabei sind auch Zweifel zulässig. Der Lateiner sagt: „Errare humanum est. Irren ist menschlich.“ Man muss sich auch mal irren dürfen. Man muss auf die Suche gehen. Man darf auch Fehler machen. Wenn man nicht agil wird, wenn man nichts ausprobiert, findet man sich nicht. Ist dadurch nicht in sich gelagert. Und kann wahrscheinlich den Menschlichkeitsaspekt nicht so gut leben, um dann auch anzufangen, wieder andere lieben zu können.
Annette Müller: Also, ich liebe mich als erstes in meiner Unvollkommenheit mit allen meinen Fehlern. Und, also, ich persönlich habe aus meinen Fehlern schon so viel gelernt, dass ich kaum abwarten kann, die nächsten zu machen.
Harry Flint: Christian Bischoff sagt in seinen Coachings immer: „Ich bin nicht perfekt. Und das ist gut so.“ Das ist total glaubwürdig. Ich muss mir das nicht ständig sagen, weil ich weiß, dass ich sowas von unperfekt bin. Und das ist auch gut so.
Annette Müller: Wunderbar! Also, nicht perfekt sein ist menschlich.
Harry Flint: Sowas von!
Annette Müller: Und damit verabschieden wir uns heute und freuen uns auf das nächste Mal. Auf Wiederhören!

Episode #27 – Diagnose Medieninkontinenz

Tröpfchen für Tröpfchen zum Kontrollverlust: Was haben die Gartenparty des Lebens und das Geschäftsleben miteinander zu tun? Wir beobachten, nehmen teil und sind gleichzeitig auch einem Überfluss an Abläufen und Informationen ausgesetzt. Menschen tummeln sich in virtuellen Gefilden, ohne Kompetenz in der allgemeinen Kommunikationsdisziplin. Genutzt wird ein rhetorischer Effekt, da tatsächlich und ständig mit viel Druck und Kompaktheit schallender Klang rausposaunt wird. Annette Müller im Gespräch mit Medienprofi Harry Flint.

 

„Gedanken zur Menschlichkeit“ ist ein philosophischer Podcast mit Annette Müller. Der Podcast möchte bewusst Kontroversen schaffen und neuen Gedanken abseits des Mainstream Raum geben.

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Annette Müller: Herzlich willkommen zum heutigen Podcast. Gedanken zur Menschlichkeit. Hier bei mir zu Gast ist Harry Flint. Ich bin total gespannt auf dieses heutige Thema, da mir Harry mir im Austausch erklären wird, was er mit seinem neuen Buch “Diagnose Medieninkontinenz“ meint. Tröpfchen für Tröpfchen zum Kontrollverlust. Harry, du bist Medienprofi und du bist auch ein großartiger Familienmensch. Was leitet dich dazu an, ein Buch mit diesem wirklich interessanten Titel zu schreiben?

Harry Flint: Danke, dass ich da sein kann, Annette. Ich werde mit meinem Buch eigentlich die Gartenparty des Lebens beschreiben.

Müller: Oh, okay. Dazu hätte ich bitte gerne mehr Erklärungen.

Flint: Ich meine, jeder, der mal auf einer Gartenparty war, und das geht uns hoffentlich allen mal so, erlebt das, was dort gewöhnlich passiert. Du wirst eingeladen, nimmst ein Geschenkchen mit – vielleicht was Kleines für die Hausherrin und für den Hausherrn nimmst meistens du eine Flasche mit. Das ist gelernt. Und dann bist du irgendwann dort. Wenn es eine große Wohnung ist, stehst du umeinander, du hast diesen Stehtisch, und du hast dann diese Wohnzimmerwandzeile, da steht der zweite Stehtisch. Und dann gibt es diese Garderobe. Weiter hinten wirbelt noch jemand in der Küche. Und der Esstisch wird schon vorbereitet für das gleich zu präsentierende Buffet. Und sobald du dort ankommst, geht sie schon los, die Medieninkontinenz.

Müller: Gut. Also wenn ich in diesem Zusammenhang Medieninkontinenz höre, denke ich, alle stehen da mit dem Smartphone rum und posten tröpfchenweise irgendwas. Oder wie soll ich das verstehen?

Flint: Warum denn nicht? Peter sagt: „Hey, WhatsApp. Gucke mal hier, ich bin schon da. Kommst du gleich?“ Und dann kommt Peter: „Ja, ja. Ich bin später. Ich komme nachher mit Annette. Wir haben das Geschenk noch nicht unterschrieben, noch nicht übergeben. Wir haben doch das Gemeinschaftsgeschenk.“ Und so geht die Kommunikation rund um die Party schon los, denn die Freunde verabreden sich dort, um präsent zu sein. Weil sie das Gruppengeschenk übergeben wollen. Und wenn das so ist, dann wartet man gefälligst aufeinander, um die gemeinsame Karte zu unterschreiben. Die gemeinsame Karte ist nichts weiter wie eine Verletzung der Datenschutzgrundverordnung. Die DSGVO nämlich wird jetzt hier konterkariert. Denn auf einmal stehen da Namen der Geschenkeübergebenden, was man im B2C – im Business to Consumer – gar nicht darf. Ist das nicht verrückt?

Müller: Das klingt total verrückt und auch total erschreckend. Und ich glaube aber, mit deinem Buch versuchst du nicht, Menschen zu erschrecken, sondern du versuchst, Menschen einen kleinen Leitfaden an die Hand zu geben, wie sie tatsächlich mit Medien so umgehen, dass eben keine Inkontinenz passiert und sie dann im Endeffekt auch keine schlechten Früchte ernten. Hatte ich das im Vorgespräch so richtig verstanden?

Flint: Genau. Darum geht es. Denn der Vergleich der Gartenparty des Lebens lässt sich auf das Geschäftliche total übertragen. Nehmen wir es doch mal so, bei der einen Stehgruppe an dem einen Stehtisch, den wir gerade vor Augen haben, könnte es genauso bei einem Empfang in der Firma sein. Der Chef ist jetzt geladen und wir haben irgendein Produktlounge. Am Tisch eins steht die Abteilung Einkauf, an Tisch zwei stehen die Abteilung Einkauf genauso, aber das sind die, die nicht in der Frühstücksgruppe dabei sind. Wieso stehen die Einen eigentlich vorne und die Anderen hinten? Schon mal darüber nachgedacht? Allein das ist schon medieninkontinent, weil nicht jeder das gleiche Recht des vorderen Tisches hat. Und die, die vorne stehen, die gucken immer geradeaus zum Chef und wollen entsprechen und wollen performen. Die sind ja die, die immer wach dabei sind. Die, die hinten stehen, werden garantiert über die, die vorne stehen, ob sie es wollen oder nicht, mit Blicken, mit Taten oder mit Worten vielleicht sogar schon urteilen. Auf jeden Fall werden sie mit dem, wie sie sich verhalten, zu denen schauen, die auch hinten stehen. Und die werden sich verbrüdern. Denn es gibt überall eine vordere Tischreihe, eine hintere Tischreihe und eine dritte Tischreihe. Und diese Gartenparty des Lebens, diese Gartenparty-Unternehmung, macht eigentlich deutlich, worauf es ankommt. Jetzt medial die Dinge zu tun, die von mir erwartet werden. Bei einer Firmenveranstaltung werden von mir Contenance, Haltung, gepflegte Bekleidung, die richtigen Worte, der richtige Auftritt erwartet. Alles das setzt mich unter Druck. Was ist, wenn ich jetzt einem dieser fünf Dinge nicht entsprechen kann? Weil ich vielleicht das falsche Kleidungsstück anhabe, weil ich vielleicht die Mappe vergessen habe, den Kugelschreiber in meinem Skript zur Rede nicht dabei habe oder eventuell den Vornamen des Chefs vergessen habe. Und auf einmal stehe ich vor ihm und soll ihn vorstellen gegenüber meinen Kollegen. Dann bin ich medieninkontinent. Ob ich will oder nicht.

Müller: Ich habe jetzt dieses Bild ganz lebhaft vor mir gehabt, mit dieser Gartenparty, mit den vielen Menschen, mit der Betriebsfeier. Und ich sehe natürlich Menschen vor mir, die nonverbal kommunizieren. Also das heißt, sie kommunizieren mit Körpersprache, mit Blicken. Das wird ja wahrscheinlich über die Medien ausschließlich über Video möglich sein. Aber ich glaube, du möchtest hier eben auch über Posts und Meinungsäußerungen ansprechen.

Flint: Es bleibt nicht aus, dass in diesen Cliquen, die sich dort bilden, eine Dynamik entsteht. Oder es sind immer Zweier-, Dreier- und Fünfergruppen, die sich da zusammenfinden. Ganz selten bleibst du auf einer Gartenparty komplett alleine, du verfällst ganz schnell in eine Beobachter- und Teilnahmerolle. Du bist in dieser Gruppe plötzlich mehr oder weniger verpflichtet, dazu zu gehören, mit dieser Gruppe zu kommunizieren. Du tauschst dich aus: „Hallo, wie war es heute?“ „Hallo, hast du auch schon im Tennisklub angerufen?“ „Hast du schon die neue Jacke von Punkt, Punkt, Punkt angesehen?“ „Wart ihr letzte Woche auch beim Bing-Bing-Bing-Turnier?“ Egal, was es ist, du fängst mit Kommunikation an. Und während du das tust, richtest du dich immer auch zum Geschehen aus. Du wirst selten nur in deiner Rotte stehen, wenn man es mal von den Tieren ableitet, du wirst immer so stehen, dass du auch die anderen irgendwie im Blick behältst. Beobachte dich, ob du es nicht auch schon mal so getan hast. Und während du dich auf die anderen Gruppen im Raum ausrichtest, kommst du in die nächste nonverbale Kommunikation. Weil dir plötzlich auffällt, dass diese Dame da drüben dieses weiße Kleid trägt. Du guckst das weiße Kleid an, denkst dir: „Super, sieht das gut aus.“ Oder du denkst: „Mhm, ein bisschen eng.“ Oder: „Wow, das hole ich mir auch.“ Egal, was du denkst, du fängst ja schon mit der nonverbalen Kommunikation an. Allein, was deine Augen an der Stelle erzählen, kommt bei ihr an oder auch nicht. Sie dreht sich irgendwann zu dir um, denn der logischen Spielwelt nach wird sie irgendwann wahrnehmen, dass man über sie und ihr Kleid letztendlich spricht. Denn der Gag ist, du hast gerade nur nonverbal über das Kleid geurteilt, gehst jetzt zu deiner Freundin in der Gruppe und sagst: „Hast du gesehen. Das weiße Kleid, das finde ich super. Das hole ich mir auch.“ Und allein das ist Kommunikation, ohne dass es dir vielleicht zusteht, über das weiße Kleid der Dame gegenüber zu urteilen, egal ob du männlich oder weiblich bist. Du fängst schon an, ein kommunikatives Urteil zu sprechen. Das ist der erste Tropfen aus dir heraus bei der Party. Was du vielleicht nicht wusstest, ist das, dass sie vielleicht die Freundin oder Tochter des Chefs ist und dass es dir nicht zusteht, womöglich über sie zu urteilen. Das ist an der Stelle noch völlig egal, es könnte dir aber am Ende auf den Schoß zurückfallen, denn irgendwann siehst du sie im weißen Kleid mal wieder.

Müller: Wie übertrage ich das jetzt auf die sozialen Medien, die ja hauptsächlich über Tastatur funktionieren?

Flint: Da wird gepostet, da wird eingestellt, da wird mal eben irgendwas gemacht, da wird nicht nachgedacht. Es gibt so viele Beispiele von Medieninkontinenz, die unglaublich einfach aufzuzählen wären. Wir kennen das alle, da ist ein Posting auf irgendeinem Kanal, den wir verfolgen. Ob das eine Nachrichtenseite ist, ob das auf einem Social Network eine Gruppe ist, in der ich Mitglied bin, oder ein Popup von irgendeinem Tool, was mir nur Fotos sendet. Ich nehme als erstes innerhalb von Mikrosekunden wahr, was dieses Bild, dieser Text mir sendet. Das ist für mich sofort klar, was ich dann für ein Ersturteil habe. „Finde ich das gut? Finde ich das schlecht?“. Und dann gehe ich meistens hin, wenn ich das zum Beispiel gut finde, dass ich es vielleicht in meiner Interessensgruppe einfach so teile. Wenn ich aber nicht aufpasse und nachvollziehe, von wem dieses Bild ist, kann ich eventuell mit diesem Weiterleiten schon etwas Massives auslösen, was mir am Ende auch auf Seite 150 Folgende auf den Schoß fällt. Denn es gibt so viele Postings, die unter Umständen von Menschen geteilt werden, die als Satire, als Übertreibung oder als ein Statement gepostet wurden in einem Zusammenhang, den ich gar nicht kannte. Dass ich mich automatisch als Befürworter dieses Gedankens ausgebe, würde ich in dem Zusammenhang teilen. Das allerbeste Beispiel kennen einige unserer Zuhörer vielleicht selber. Ich weiß nicht, wem es aufgefallen ist, aber es gibt ganz aktive Werbemail Junks, die in Social Networks passieren. Das beste Beispiel ist das E-Bike. Da geht dann angeblich ein Fahrradmarkt oder egal was für ein Markt, hin, und hat fünf E-Bikes zu viel im Lager. „Die können wir jetzt nicht auch noch verkaufen. Und die wollen wir jetzt im Social Network verlosen. Alles, was du tun musst, ist, diesen Beitrag teilen und sagen, ja ich will. Und es gibt dann 20, 50, 100, 200, 500 Menschen, Tausende Menschen, die genau das tun. Dahinter verbirgt sich nichts weiter als ein Art Spoofing. Das ist ein Robot, der dich letztendlich auf gut Deutsch verkalauert. Du wirst quasi Opfer einer Comedy-Aktion, die ganz bitteren Beigeschmack hat. Denn alle, die jetzt so reagieren im Social Network, sind Social Providable. Das heißt, der Robot, der Algorithmus, kann rauslesen, wer diesem Link und Like folgt, und kann diesen Leuten, diesen „Naivmenschen“, sofort wieder nächste Einfachangebote aussenden. Und damit wirst du verletzlich, angreifbar. Das ist der nächste Tropfen zu deinem Kontrollverlust. Denn du merkst nämlich gar nicht, dass die übernächsten zwei, drei Postings wieder von dieser Art geprägt sind. Und auf einmal bist du Opfer einer immer größeren Dichte solcher Spoofing-Mails, weil du eben eineinhalb Mal, zweieinhalb Mal, dreimal reagiert hast. Das bezeichne ich als Medieninkontinenz.

Müller: Ich könnte es auch als Inkompetenz bezeichnen. Dass ich nicht weiß, wie ich mit dem Medium umgehen muss. Ich habe es nicht gelernt. Das erinnert mich jetzt an etwas, was kürzlich geschehen ist. Da wurde dann jemand in den Medien verunglimpft, also auch in den Printmedien, nicht in den sozialen Medien, weil er auf den sozialen Medien ein falsches Like gesetzt hat. Also die meisten von uns, die begreifen ein Like nicht als Daumen hoch, „ich mag das, was du gepostet hast“, sondern „ich habe es zur Kenntnis genommen.“ Aber es wird dann, wenn irgendjemand etwas Böses möchte, dann getreu dem Motto „Du magst das. Du bist d’accord mit dem Inhalt dieses Posts. Das heißt, du machst den Inhalt des Posts zu deinem eigenen Inhalt.“, ausgelegt. Was ja nicht unbedingt stimmt. Aber es kann so ausgelegt werden. Und ich glaube, das ist wahrscheinlich auch etwas, wovor du in deinem Buch warnen wirst. Oder nicht?

Flint: Die Kompetenz ist die Voraussetzung, die jeder Mensch braucht, um in den sozialen Netzwerken, aber nicht nur dort, in der allgemeinen Kommunikationsdisziplin, erfolgreich wirken zu können. Wenn ich das Prinzip zwischen Sender und Empfänger nicht verstehe, wird es kompliziert. Wenn ich als Sender, und ich bin ein Sender, wenn ich etwas rausgebe von mir egal welcher Art, nicht so adressiere und so formuliere, dass mein Empfänger es auch ansprechend aufnehmen kann, muss ich mich nicht wundern, dass meine Worte kein Gehör finden. Wir erleben das in vielen Bereichen des Lebens. Wir erleben das in vielen Bereichen der Gesellschaft, wo viele, wir nennen das bisweilen Populismus, etwas rausblasen, posaunen, dann steht da die Behauptung im Raum, und diejenigen, die darauf replizieren, also darauf reagieren, die nehmen überhaupt nicht den Kontext dessen auf, was gesagt wurde. Weil die Menschen, die es so rausposaunen, den rhetorischen Effekt nutzen, dass sie etwas mit viel Druck in Kompaktheit tatsächlich mit schallendem Klang rausposaunen. Und auch hier reden wir dann von einer Wahrnehmungskompetenz, die ich brauche, um diesen Klang dieser Posaune in das Orchester meiner Wahrnehmung zu stellen. Denn wenn ich jetzt nur dieser Posaune zuhöre, werden die schönen Streicher hinten links im Orchester der Wahrnehmung übertönt. Wenn ich nur die Trommel höre, weil einer da hinten trommelt, also ich meine das jetzt übertragen in der Kommunikation, dann werde ich übertönt. Wenn ich zu einem Technorave gehe und diesen Beat nicht möchte, dann muss ich schauen, dass ich dahin gehe, wo die Streicher der Sinfonie auch mal wieder spielen. Und diese musikalischen Vergleiche finde ich statthaft, weil-, diese Orchestrierung der Gedanken beim Senden der Melodie, der Worte, und beim Empfangen, beim Hören dieser Melodie, die erfordert Kompetenz. In den Schulen wird das zu wenig gelehrt. Die Jugendlichen haben ab zehn, ab zwölf Jahren, ihre Smartphones, sind ganz früh mit dem Wischphone als Kommunikationstool domestiziert, lernen von klein auf, mit dem Gerät umzugehen. Unsereins hat die drei Fernsehprogramme gehabt. Die haben ein 500-Kanal-Smartphone 24 Stunden in der Hand. Und können viel mehr Kanäle gleichzeitig konsumieren, ohne die Konsequenz der einzelnen Kanäle qualifizieren zu können. Da ist eine große Gefahr.

Müller: Könntest du die Konsequenz bitte noch ein bisschen ausführen, die das in sich trägt?

Flint: Gemeinhin wird gesagt, die Jugendlichen sind nur am Smartphone und daddeln nur und machen nur so ein Zeug. Das ist mir zu einfach. Die sind so dermaßen kompetent in der Nutzung elektronischer Geräte, in ihrer Auffassung so trainiert, ihre Synaptik ist so dermaßen geschärft, dass wir genau ja diese Kompetenz dieser jungen Menschen heute suchen wie nirgendwo. Jede Branche braucht diese jugendlichen Menschen, um in der Aufnahmestärke dieser technischen Gerätschaften zu lernen. Weil-, die können viel früher viel schneller solche technischen Gegebenheiten adaptieren. Was aber die Problematik daran ist, dass die so viele Kanäle gleichzeitig empfangen, dass die selber keine soziale Kompetenz mehr haben, sich natürlich über normale Ausdrucksformen miteinander zu begegnen. Jugendliche bis 15, 16, 17, 18 brauchen keine Freundschaften körperlicher Art mehr. Wer von euch kennt überhaupt noch Jugendliche, die mit 14 anfangen, das erste Mal schüchtern Hand in Hand durch die Straßen zu laufen? Mit 15 vielleicht sogar den ersten Knutsch zu wagen? Mit 16 vielleicht sogar das erste Mal, ihr wisst schon. Und mit 17 eventuell das erste Mal ins Zeltlagerwochenende zu fahren, damit sie ja endlich im Zelt mal alleine sind. Ist es nicht so? Das war zu unserer Zeit früher ganz wichtig. Für die Jugendlichen jetzt ist es teilweise viel wichtiger, über ihre soziale Kompetenz der medialen Gesellschaften miteinander Austausch zu haben. Und ich meine damit, dass sie nicht inkontinent sind. Sie werden erst dann inkontinent, wenn sie Dinge posten – ihr kennt das, das Bikinifoto von der Gangreise zum Strand. Wo dieses Bikinifoto natürlich dann jetzt in der Gruppe aus Spaß gepostet wird, natürlich in TicToc, in Facebook bleibt und jeder dieses Kind, diesen Menschen an diesem Bikinifoto, in 25 Jahren beurteilen könnte.

Müller: Und das wäre dann der Kontrollverlust? Weil man darüber keine Kontrolle hat.

Flint: Man hat darüber keine Kontrolle, wo dieses Bild verweilt. Wer es runterlädt, wer es repostet, wer es in anderen Gazetten und Medien – wie auch immer – wieder teilt. Und wenn ich jetzt in eine Berufswelt gehe, später in fünf Jahren, in 10 Jahren, in 20 Jahren, kann ja auch sein, dass an dem Foto in 20 Jahren etwas auffällt, was heute niemandem auffällt. Im Hintergrund war-, ich weiß nicht was. Das mag ein Bildausschnitt ein, der was ganz anderes zeigt, was niemandem auffiel. Es kann sein, dass in dem Foto etwas an deinem Körper betont wird, was du niemals gesehen hast, was dir in 20 Jahren erst auffällt. Da ist diese Narbe, dieses Muttermal, dieses Tattoo. Oder ganz intime Bereiche des Körpers, die du im ersten Moment nicht wahrnimmst, die dir aber eventuell mal gegen dich ausgelegt werden können. Damit meine ich jetzt nicht juristische Verfahren gegen dich oder Beweisaufnahmen, das sind Dinge, die können dir auf den Fuß fallen.

Müller: Ja, man braucht nur jemanden, der eine Mail daraus macht und das Ganze mit merkwürdigen Aussagen dann eben spickt. Und wenn man dann kein dickes Fell hat, kann das schon sehr angreifend wirken. Kann vielleicht auch zu Depressionen führen oder zu schlimmerem.

Flint: Dieses Mobbing der früheren Zeiten findet heute tatsächlich als Cybermobbing statt. Das ist überhaupt kein Geheimnis, dass diese Postingmania der jüngeren Menschen, der unter Achtzehnjährigen, in den Schulen dazu führt, dass natürlich die Geschlechter auf ihre Art versuchen, ihren Idolen zu folgen. Wir hatten damals den Bravo-Starschnitt als Idol von mir aus. Hatten diese Poster mit Tesafilm an die Wände geklebt. Auf die Idee kommt ja niemand heute. Das sind Wallpapers, Backing Pictures, das sind was weiß ich was als Idole. Und wie ahmt man sein Idol nach? Wir haben seinerzeit danach getanzt, keine Ahnung. Heutzutage ist es doch so, dass man sich einer gewissen Körperhaltung annimmt, einer gewissen Frisurausprägung annimmt, eine gewisse Hüfthandbewegung wahrnimmt und sich dann im Foto so ablichtet, dass man diesem Normbild dieser interessierten Verfolgerin dieser Form entspricht. Und das machen die Jungs genauso, die machen bestimmte Gestikulationen. Die haben ihre Basecap verkehrt herum schräg auf, die haben dieses Looseshirt an, die haben diese Sneakers an ohne Socken, die haben dann auch plötzlich die gleiche Hose an. Und dann wird dieser „Durchschnittsstefan“, Stefan, nimm es mir nicht übel, dass ich deinen Namen benutze, das ist mir jetzt einfach so eingefallen, oder der Peter oder der Harry, ich heiße Harry, die machen dann irgendwie etwas nach, um dem Empfindungsbild zu entsprechen. Verstehen dabei aber nicht, dass sie sich dabei inkontinent machen. Weil sie eins dabei völlig verlieren. Ihre eigene Identität, ihren Individualismus mit dem sie eigentlich ihre Persönlichkeit hätten fördern können. Und weil sie sich ja gemein machen mit dem Mainstream der Gedanken, wird ihre Persönlichkeit sogar geschwächt, denn jetzt kann ja jeder sie in dieser Position vergleichen. Und wenn du dich mit anderen vergleichst, die genauso gekleidet sind, dann gibt es immer einen Schwachen, zwei Schwache, drei Schwache. Und auf einmal kriegst du den Lästerpost. Und dann bist du auf einmal die Gespamte, die Gespoofte, du bist die Ausgeschlossene und kriegst plötzlich keine Repliken mehr auf deine Postings. Das ist für die junge Generation fürchterlich. Das ist der soziale Kompetenzausschluss. Und das ist höchstgradige Medieninkontinenz at its very best.

Müller: Ja, das bietet sehr, sehr viel Stoff zum Nachdenken. Und es bietet jetzt auch sehr viel Stoff für mich, darauf zu reagieren. Also was mich jetzt angesprochen hat, ist eben die Erinnerung an meine eigene Jugend. Dieses sich anpassen an die peer pressure, die war ja damals eben nicht in sozialen Medien gezeigt. Aber du hast dich eben in dieser Uniform schon auch auf der Straße gezeigt und gesagt: „Zu dieser Gruppe gehöre ich. Dadurch, dass ich zum Beispiel, was weiß ich, eng genähte Hosen und Parka trage. Oder heute eben die Sneakers, die weiten Hosen und eben die falsch aufgesetzte Basecap. Das gehört doch aber zur Selbstfindung dazu, sich selbst einmal zu verlieren und dann auch wieder zu finden. Und zwar indem man dann erkennt, das ist eine Uniform und das bin nicht ich. Das gehört doch alles zum Reifeprozess und zum Erwachsenwerden dazu. Was ich aber höre ist, dass wir eben darüber nachdenken sollten, was hat das in 10, 15, 20 Jahren unter Umständen für Konsequenzen. Also ich kenne erwachsene Leute, die haben gesagt: „Ja, damals, also ich in meiner Jugend. Ich habe also quasi alles mitgemacht, was man eigentlich nicht tun sollte.“ Und die stehen also zu ihren Experimenten. Und die sind da eben offen. Das heißt, die sagen: „Ja, okay. Habe ich gemacht. Gehörte mit dazu. Heute ist es anders. Ich bin erwachsen. Das ist die Vergangenheit. Ja und, was soll es?“ Aber, was eben hier jetzt öffentlich gepostet ist, kann man das heute eben aufheben und dann darauf warten, bis zum richtigen Moment, um seinen Feind sozusagen dann, wenn er schwach ist, damit aus dem Rennen zu werfen. Das wird aber ganz oft gemacht. Da werden ja auch richtige Fallen schon, also soziale Medienfallen, werden schon konstruiert und aufgestellt und Menschen da gezielt hinein gelockt.

Flint: Genauso ist es. Und das betrifft nicht nur die jungen Menschen, die in fünf, in 10, in 20 Jahren potenziell davon betroffen sind. Das betrifft uns alle in einem Alter zwischen 30 und 60 Jahren, die wir noch in der beruflichen Karriere stecken. Denn es ist doch so, dass heute jeder Arbeitgeber genau genommen, wenn er dich dann googelt, einmal dein soziales Profiling auf dem Silbertablett dekoriert bekommt, denn ganz viele Werbungsprozesse haben gar keine klassischen schriftlichen Bewerbungsunterlagen, wie wir sie kannten früher, DIN-A-4-gedruckte, schöne gebundene Mappen, mehr nötig. Sondern man geht heute über Online-Profile, man geht über Online-Bewerbungsportale, bewirbt sich dort mit seinen Angaben, mit seinen PDFs, die man attached. Und was macht denn der HR-Beauftragte, der Personalsachbearbeiter oder der Referent? Er geht natürlich hin und befragt Google, die sozialen Netzwerke. Was ist das denn für ein Typ? Was macht denn der für Fotos? Was ist denn das für eine Charakteristik? Früher hätte man gesagt, das ist der Assessment-Center. Der wird dir heute mal eben geliefert. Früher mussten sich Leute erstmal in einem Prozess eine Stunde eines Bewerbungsprozesses vorstellen. Heute hast du die Vorstellung dieser Gartenparty sichtbar im Netz. Und darüber wird sich keiner bewusst, dass plötzlich Leute über dich Dinge in Erfahrung bringen können, die früher so was herrliches wie privat waren. Sie waren eben nicht öffentlich. Du hattest selbst entschieden, ob es ein Foto von dir irgendwo gibt. Und heute gibt es eben nicht nur das Foto, es gibt die Information, dass du im Tennisverein im Vorstand bist, öffentlich einsichtig. Das war früher nicht einsichtig. Ich hätte mühsam in irgendwelchen Vereinsregistern des Amtsgerichtes nachgehen müssen, das hat niemand getan. Heute finde ich das heraus, dass der immer noch dort im Vorstand ist. Ich finde heraus, dass er eine eingetragene Firma hat in Firma A, ich weiß, dass er Co-Geschäftsführer bei Firma B. Ich kriege mit, dass er letzte Woche, weil das sein soziales Profil sagt, auf Reise war und parallel war er im Geschäft. Das heißt, die Verflossene, die Person, die von ihm betrogen wird, kann heute öffentlich nachvollziehen, wo er war. Weil es Social Profilings gibt, die das ermöglichen. Und damit bin ich eigentlich auch beim Übertrag in die Geschäftswelt. Diese mediale Inkontinenz, die findet insbesondere im Geschäftsleben statt. Da gibt es diesen E-Mail-Terror. Das kennen viele von uns. Du hast eine Mail, du schreibst einen ausführlichen Text mit dem Briefing, dieser Beschreibung, was du gerne erledigt haben möchtest an dein Gegenüber. Was macht er, was macht sie? Man nimmt sie kurz wahr, man nimmt den Betreff oben wahr, man überfliegt die Mail und sieht darin ein, zwei Schlüsselwörter, diese Keywords eben, die einen an der Person haften lassen. Und dann überliest du vielleicht das Wort nicht oder nein und dachtest, es sei eine Bestätigung dessen, was du wolltest. Das nichts oder nein steht weiter unten rechts vor dem Termin. Das hast du aus irgendeinem Grund gar nicht wahrgenommen. Und schon ist das Missverständnis potenziell genährt. Denn was du tust, du antwortest auf die Mail mit einem Klick, antworten: „Ja, alles klar. Ich hätte gedacht, Sie sind aber dabei.“ Du als Sender kriegst diese Mail zurück, Moment, was meint sie jetzt? Du weißt gar nicht, ob sie jetzt unverschämt zu dir ist, die Person, oder ob sie eventuell die Mail ablehnt. Bis du klargestellt hast, dass sie potenziell das Wort nicht oder nein in deiner Mail nicht gesehen hat, braucht es einen Kommunikationsprozess von Ping und von Pong. Und genau da setzen so viele Missverständnisse bei dieser extrem beschleunigten Kommunikation im Internet über die Cloud-Services an, dass da unglaublich viel Angriffsfläche ist für Überlesenes, für falsch Interpretiertes, für überhaupt nicht Gelesenes. Ich selbst bin Opfer dieser Themen mit meiner Medienagentur – jeden Tag. Opfer tatsächlich, obwohl ich meine, sehr ausführlich und klar zu formulieren, habe ich ganz häufig in den E-Mail-Iterationen, die sich aufbauen nachher, mitunter sehr deutliche Missverständnisse zu dem, was wir meinen, weil die Menschen aufgrund dieser Wahrnehmungsgeschwindigkeit nicht mehr lesen und wirklich die Informationen qualifizieren. Und das nenne ich auch Medieninkontinenz, denn da kommt nur ein Tröpfchen an. Es kommt nicht die eigentliche Botschaft an, das ist sehr, sehr, sehr schade.

Müller: Das ist Raum zum Reinwachsen. Das bietet viel Raum, uns zu ändern. Viel Raum, intelligenter zu werden, an unseren Kommunikationskompetenzen zu arbeiten. Was hast du denn da für Tipps oder für Ratschläge? Gibst du überhaupt Ratschläge?

Flint: Mit meinem Unternehmen trete ich an, Menschen medial in Kompetenz zu bringen, ja. Ich habe den inneren Antrieb, Unternehmen dabei zu helfen, sie darin zu befähigen, Medien besser selber zu verstehen und Medien auch selber besser zu erzeugen. Ich bringe beispielsweise Menschen bei, wie man spricht. Ich bringe Menschen bei, wie man zuhört. Hört sich völlig schräg an. Aber es gibt so viele Dissonanzen beim Sprechen und Zuhören, das lohnt sich allemal. Wir bringen Menschen bei, wie man Filme selber dreht. Denn wenn du verstehst, wie du einen Film richtig drehst, verstehst du auch, gut zuzuhören. Du kannst nämlich einen Film nur dann gut drehen, wenn du zuvor die Situation, in der der Film spielen soll, erfasst hast, verstanden hast. Und das ist wieder diese Gartenparty des Lebens, in der Firma oder privat. Du musst die Gartenparty lesen, verstehen. Damit du weißt, welche Clique gehört zu welcher, welche Person ist offensichtlich mit welcher da, welche Personen haben mit welchen Personen Gemeinsamkeiten, und daraus den Film deines Lebens erzeugen. Und diesen Anspruch, die Menschen, die Firmen, die wir bedienen, zu befähigen, führt dazu, dass die selber dann ihre mediale Ausarbeitung kompetenter machen können, um jegliche Medieninkompetenz möglichst zu vermeiden, dass sie sich ein Bewusstsein schaffen über das, was sie ins Netz senden, was sie Geschäftspartnern senden, wie sie selbst auftreten, was sie sagen, was sie wann sagen, in welchem Volumen, in welcher Couleur sagen.

Müller: Jetzt sind wir ja alle in einer schnelllebigen Zeit mit dieser schnellen Kommunikation. Also ich kenne von mir selbst, dass ich zum Beispiel auf ein E-Mail, was ich bekomme, ganz kurz antworte und sage: „Ja, okay. Alles klar. Machen wir.“ Ohne „Sehr geehrter Herr Soundso. Wie geht es Ihnen? Ist alles in Ordnung?“ Und schreibe dann drunter LG und das war es dann. Was hältst du von so einer Art Kommunikation?

Flint: Es ist die naturgemäße Vollkatastrophe. Denn du hast dabei schon wieder die nächste Verletzung gegen die Datenschutzgrundverordnung begangen. Denn du bist ja verpflichtet, diese Mail zu archivieren, auch sie mit einem ordentlichen Impressum zu versehen. Speicherst du auch die Mails bis zu 10 Jahren, je nach Zusammenhang in einem möglichen Auftrag? Und alleine, dass du das getan hast, impliziert ja, dass du dich grundsätzlich mit der Würdigkeit des Speicherns auseinander gesetzt hast. Was du aber, glaube ich, fragst im Kern ist, ob es richtig ist, kurz, klar und knapp per E-Mail zu antworten, weil es ein elektronisches, ein schnelles, ein beschleunigendes Kommunikationstool ist. Diese Kürze bringt manchmal eine Würze. Und diese Würze kann auch manchmal verdorben schmecken. Wenn du das nämlich verkehrt aufgreifst, diesen Zweieinhalb-Worte-Satz, dann kann dir genau das Füllwort fehlen, was du gebraucht hast. Mit zum Beispiel scheinbar oder sehr gerne, oder du verlierst es dabei, die Kommunikationsfloskeln der Nettigkeiten zu reden, die Nähe bedeuten. Und so kann dieser Modus schnell zu einer Verletzlichkeit beim Gegenüber führen, weil er sich plötzlich mit einer zehnzeiligen Mail an dich wendet und du kommst mit einem Lapidarium zurück. Das kann ihn, ob du es willst oder nicht, falsch erwischen und er kann darüber eine Stimmung auf dich ausprägen, die du gar nicht gewollt hattest. Die aber das Geschäft, das Miteinander, jetzt schon beeinflusst. Allein, dass er diese Stimmung jetzt drin hat. Wenn du mal genau schaust in deinen letzten ein, zwei, drei Jahren, wie oft hast du da gesagt „Ich hatte schon gedacht, du meldest dich gar nicht mehr.“ Oder „Ich wusste erst nicht, wie du das meinst.“ Ist es nicht so? Wir haben das alle schon erlebt. Dass da eine Art des Ausdrucks mitunter uns verstört hat. Du hattest eine gewisse Art und Weise und Antwortlänge und Stimmungsart der Antwort erwartet. Die konnte dir nicht bestätigt werden. Du warst aber in Erwartung dieser, und damit wird dieses short term e-mail noticing – dieses Kurznachrichtenmodell – ad absurdum geführt, weil es eben auch verletzen kann.

Müller: Gibt es in deinem Buch zum Beispiel Anleitungen für jemanden wie mich, der dann, wo du zum Beispiel sagen würdest: „Ja, schreibe doch einfach oben drüber: Heute nur eine kurze Antwort.“ Wäre das eine Lösung, um den anderen nicht zu verletzen?

Flint: Ja. Und obendrauf gesagt, kann sogar das ein Stilmittel sein, um dem Gegenüber ein Denkmodell zu geben. „Hey, mach doch kürzer, klarer. Ich habe dich doch schon.“ Manchmal verliert man sich ja auch im negativen Umkehrschluss in so Floskeln. „Wie Sie bereits in meiner Mail von gestern erfahren haben, bin ich der Meinung, dass wir heute noch einmal darüber hätten reden sollen.“ Was habe ich gerade gesagt außer Nichts?

Müller: So ist es. Also ich werde zum Beispiel von meinen Mitarbeitern dafür kritisiert, dass ich wirklich ganz kurze, prägnante Antworten gebe. Und sie erwarten von mir wegen der guten Stimmung doch wirklich auch Höflichkeitsfloskeln. Und deshalb bekomme ich, wenn ich dann E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten bekomme, extra schöne, höfliche Anreden wie zum Beispiel: „Liebe Annette, wir haben darüber gesprochen, ich möchte jetzt von dir wissen-.“ Dann denke ich mir: „Oh ja. Ich weiß schon.“ Genauso liebevoll und nett antworte ich dann. Und habe dann eben schon ganz oft auch mal sarkastisch geantwortet. Und habe dann gesagt: „Ja, wie geht es denn den Kindern? Und was macht die Oma und ist der Hund in Ordnung?“ Und dann komme ich erst zum Punkt, um eben für mich klar zu stellen: „Die Höflichkeitsfloskeln möchte ich nicht, ich brauche sie nicht. Weil ich dich trotzdem lieb habe.“

Flint: Bingo. Und das passiert genauso täglich. Im Business, du sprichst jetzt von deinen Mitarbeitern, wir sind also im Business to Business. Wir sind im Geschäft, in der Kommunikation. Da ist es tatsächlich so, dass wir die Leute eigentlich gar nicht wertschätzen, die uns verfloskulieren. Die uns mit Blümchensprache zu viel Einleitung geben. Ich möchte eigentlich schnelle Kommunikation. Das ist die Uridee der E-Mail, die ja irgendwann in den späten Achtzigern das erste Mal aufkam. Und ja, das ist mit ganz vielen Geschäftskontakten zu bestätigen. Fragt euch da draußen, ob es bei euch so ist. Haben wir sogar schon den Zweitkanal offen? Wenn uns selbst die E-Mail zu lang ist, machen wir die Whatsapp, weil da gilt es als gemeinhin normal, dass man mal eben, zack, einen Dreieinhalbtexter macht. Ich zum Beispiel nutze liebend gerne die Voicemessage auf Whatsapp. Ich werde dafür gehasst. Wieso muss der mir jetzt eine halbe Minute bis zu 10 Minuten dareinreden? Ich mache das aber aus dem Grund, dass mich mal sauber zurücklehnen kann, mich artikulieren kann und ich prüfe auch mein Gegenüber, ob es die Zeit für mich investiert. Das ist für mich auch eine wichtige Rückkopplung, ob ich wahrgenommen wurde. Denn ich mache dann meistens drei Blöcke, Block vorne, in der Mitte und am Ende nochmal eine wichtige Aussage. Und dann erbitte ich ihn, mir darauf in drei Einzelmessages, wenn er kann und mag, zu antworten. Damit will ich nicht Herr der Kommunikation bleiben, ich will damit nur eigentlich sagen, dadurch reduziere ich unser Gespräch auf meine Aussage, danach seine Aussage, und das Gespräch wird insgesamt schneller als dass wir uns treffen müssten an irgendeinem Hoteltisch oder bei einem Essen. Und die blumigen Mails haben längst ausgedient, wenn es denn endlich mal die kompetenten Mails gäbe.

Müller: Also ich liebe Sachlichkeit, zum Ziel kommen und einfach Klarheit. Und ich glaube, je kürzer und klarer die Kommunikation ist, umso angenehmer ist sie eigentlich auch.

Flint: Glauben viele. Und um dieser Empfindung zu folgen, machen viele im Netz, in der digitalen Kommunikation, den Fehler, dass sie, ich nenne das oft den Blumenstrauß, dahin stellen, wo ihn alle hinstellen. Sie kommen mit dem Blumenstrauß der Kommunikation in einen Raum-, stelle dir jetzt diesen virtuellen Raum vor, ob das die Gartenparty oder das Swimminpool-Event oder die Messe mit deiner Firma – das ist ganz egal. Du kommst zu diesem virtuellen, gedachten Raum mit diesem Blumenstrauß, das ist so deine Empfehlungskarte. Das sind so die besten Dinge, die du hast, das sind so deine Prospekte, das sind deine Flyer, das sind doch deine Blumen. Oder? Und dann stellst du diese Blumen da so vorne hin wie bei einem Fest, bei einem achtzigsten Geburtstag. Da wird, wenn man ankommt, gefälligst die Karte da rechts auf den Tisch gestellt, die Blumen für die Gattin stellt man auch dahin. Und der Gastgeber hat gar keine Zeit für dich. Er sagt dann: „Hallo, schön, dass ihr hier seid.“ Dann nimmst du aus Respekt die Reihe nicht auf, weil er ja noch sieben Leute vor dir hat. Also gehst du direkt in die Party. Was machst du? Du stellst die Blumen einfach dahin. Und ich habe Beweise dafür. Bei zwei achtzigsten Geburtstagen, jetzt haltet euch mal fest da draußen, haben die Leute auf diesen Tisch da vorne die Blumen und die Karten mit dem Bargeld oder mit den Silberlöffel-Gutschein vom Ich-weiß-nicht-was-Geschenkehaus gestellt. Und wisst ihr was? Das war gar nicht der Gabentisch von dem Achtzigjährigen. Der hatte gar keinen. Der hatte nämlich eine Stiftung und wollte, dass man ihm was transferiert. Das war der Konfirmandentisch eines Kind, dessen Gruppe derzeit im Raum war. Da hat das Hotel vorne einen Gabentisch aufgebaut, der war unbewacht für jedermann zugänglich. Das ist für mich die goldene Form der Medieninkontinenz. Da hat das Hotel versagt, da hat die Elternschaft des Konfirmandenkinds, wenn du so möchtest, versagt. Wie kann man die vielen wertvollen Umschläge mit den 20-, 50-, 100-Euroscheinen drin einfach öffentlich liegen lassen? Und dann hast du deinen Blumen dahin gestellt. Das heißt, dein Gastgeber kriegt von deinen Blumen, von deiner Karte überhaupt nichts mit. Und die nächste Woche gehst du zur Arbeit und wunderst dich, dass er dir überhaupt nicht für die wunderschönen Rosen dankt. „Meine Gattin hat sich so gefreut.“ Und nach zwei Wochen denkst du dir-, und das ist auch Medieninkontinenz, obwohl du erst den Fehler gemacht hast, schiebst du ihm den Fehler zu, er hat dir nicht gedankt. Dann sagst du: „Ja. Der Doktor Schmitz, der hat ja auch keine Dankbarkeit mehr in sich.“ Ach, jetzt fängst du an, ihm einen Vorwurf zu machen dafür, dass du das an den falschen Tisch gestellt hast. Und dann geht diese Spirale der Gartenparty von vorne los. Denn die Frau Jochimsen aus der Abteilung vier, die hat das Gleiche erlebt. „Ich wusste genau, dass das ein Typ ist, der nur an seine Stiftung denkt.“ In zweieinhalb Jahren später, wenn der Mann zu Grabe getragen wird, kommt erst raus, dass es nie einen Gabentisch gab. Dann sind die Damen beschämt am Grab und denken sich: „Ach, du heilige Kuh, hätte ich damals nicht so viele Tröpfchen für Tröpfchen geliefert, hätte ich meinen Kontrollverlust gar nicht erst erlebt.“

Müller: Das ist also ein moderner Watzlawick.

Flint: Ja. Es ist verrückt. Du kannst diese Stimmung, dieses Erlebnis an nahezu jedem privaten und auch geschäftlichen Erlebnis festmachen. Und wenn du nur genau hinschaust – du hast ja gefragt, was kann man dagegen tun. Ich glaube, Bewusstseinsschärfung was du von dir gibst, macht dir klar, was du, wie du sendest. Und wenn du dir darüber bewusst wirst, selektierst du auch die Kanäle, auf denen du sendest. Mach dir klar, ob du Blumen mit zur Party bringst oder einen Umschlag. Das machst du bei einer normalen Party auch. Wieso tust du das eigentlich in deiner Kommunikation nicht? Denke mal darüber nach. Du gehst zur Party mit dieser Flasche für den Herrn, mit dem Blumenstrauß für die Dame, da ist das gelebt und gelernt. Aber was bringst du eigentlich in der Kommunikation in deinem Business mit? Wie sehen da deine Blumen und wie sieht da deine gute Flasche aus? Und wie kannst du sie verpacken, ohne dass das eine kitschige Rüschenschleife kriegt? Wie kannst es so servieren, dass am Abend sogar noch dein Tropfen geöffnet wird? Denn das willst du doch. Du willst doch, dass der Tropfen, den du mitbringst, vom Gastgeber am Abend kredenzt wird, damit vor allen Leuten gesagt wird: „Mein Gott, ist das ein schöner Primitivo.“ Willst du das nicht hören? Natürlich möchtest du das am liebsten hören. Auch wenn es schade ist, dass er nicht dich alleine eingeladen hat, den Tropfen zu genießen. Aber das ist doch die Rückanerkennung, die du dir insgeheim erhoffst, wenn du den guten Tropfen schenkst. Und das Kompliment für das Bukett: „Ach, die duften aber, die Orchideen.“ Das hättest du auch gerne gehört. Und wir waren alle schon mal enttäuscht, wenn es nicht so ist.

Müller: Jetzt haben wir diese Enttäuschung ja offensichtlich verdient oder uns selbst sozusagen kredenzt, indem wir eben falsch kommuniziert haben oder uns überhaupt nicht bewusst darüber sind, dass wir inkontinent sind, was unsere Mediennutzung betrifft. Um das zu vermeiden, nehme ich jetzt mal an, müssen wir im ersten Schritt erst einmal herausfinden oder uns klar werden darüber, was wir mit unserer Kommunikation überhaupt bewirken möchten. Also möchte ich, dass der Primitivo geöffnet wird? Möchte ich hören, dass die Rosen gut duften? Und wenn ich das weiß, kann ich ja handeln. Aber ich denke mal, eine Ursache für diese Inkontinenz, wie du es nennst, ist das unbewusste und das ziellose oder das nicht klare Kommunizieren ohne ein wirkliches Ziel zu haben. Wogegen, wenn ich ein Ziel habe, ein klares, dann kann ich doch viel weniger Fehler machen.

Flint: Völlig korrekt. Wir machen gerade Feldtests in unserer eigenen Firma, wo wir ganz häufig ganz viel mit einem automatischen Robot posten auf allen gängigen Kanälen. Und der Witz ist, ich habe mit diesem übermäßigen Posting im Volumen pro Tag bis zu fünf Veröffentlichungen herausgefunden, wie und wann meine Zielgruppe überhaupt auf Postings reagiert. Man nennt das in der Fachsprache auch den AB-Splittest. Da werden zwei Varianten eines Postings gefahren und du kannst dann vergleichen, welcher der beiden, A oder B, der bessere Performer oder der also Auslösendere von beiden Postings ist. Und in der Tat geht es darum, überhaupt erstmal rauszufinden, was will mein Gegenüber in der Kommunikation von mir hören. Was braucht der, was ist dessen Bedürfnis? Oder? Wir machen uns immer Gedanken über das, was wir gerne verkaufen wollen. Wir fragen aber gar nicht mehr, was will denn der Käufer. Denn wir das anbieten, was Markt möchte, verkauft sich Produkt von alleine. Peter Sawtschenko ist ein toller Speaker-Kollege von mir, hat gesagt: „Unternehmen, die heute nicht perfekt positioniert sind, verkaufen weniger. Wer heute nicht gut positioniert ist, verliert seinen Markt.“ In der Quintessenz heißt das doch, dass ich in der Kommunikation also das von mir geben sollte, was ich glaube mein Markt von mir erwarten können möchte, damit er mich besser kennenlernt, damit er mich besser versteht, damit er das, was ich anbiete, besser einordnen kann und am Ende viel lieber mein Produkt kaufen kann. Denn er weiß, die Attribute, meine Werte, meine Geschichten besser einzuschätzen. Deswegen ist Medienkompetenz wichtig, damit ich nicht Tröpfchen für Tröpfchen inkontinent was durch die Gegend saue.

Müller: Was uns ja wieder zu dem Gedanken über Menschlichkeit bringt, Gedanken zur Menschlichkeit. Wenn wir falsch aussenden, ob bewusst oder unbewusst, ernten wir vielleicht eine stinkende alte Windel. Die will ja wohl keiner, oder?

Flint: Ich finde den Vergleich traumhaft. Weil es genau das ist. Wenn überall mal ein Schweißperlchen verloren wird, dann ist das eine Perlchen wohl nicht das Problem. Das geht jedem Menschen von uns so, wenn er Sport treibt. Wenn wir jetzt mal Sport und Business vergleichen. Aber wenn es fünf und sieben und zwölf Tröpfchen sind und zudem eingetrocknet, jetzt wird es fies, der nächste ist noch frisch und der dritte ist schon so ein bisschen ranzig. Dann ist ein Cocktail, den will keiner haben. Und überall hast du so komische, fleckige Spuren in deiner Kommunikationswelt hinterlassen, die keine Fährte ausmachen außer einer mies riechenden oder duftenden. Und mache es doch anders. Stelle doch das duftende Rosenbukett, wenn du Rosen magst, dorthin, wo viele Leute die Rosen sehen, die im Idealfall Rosen mögen und auch noch wertschätzen, zur richtigen Zeit diese Rosen auch tatsächlich in die Hand nehmen und dann diese wertschätzen. Kleiner Tipp übrigens. Wenn du das nächste Mal zur Gartenparty mit Blumenstrauß gehst, versuche mal Folgendes. Nimm niemals bei Beginn der Party deine Geschenke mit. Gehe um 11 Uhr, immer vor der Gulaschsuppe nachts, gehe um 11 Uhr-, dann sind die Reden vorbei, dann ist der erste Tanz vorbei, und dann ist es zu früh, bevor die ersten gehen. Gehe um 11 Uhr hin an den Tisch des Gastgebers, stelle dich vor ihn hin und sage in etwa: „Lieber Herr Gastgeber, ich habe mich wirklich sehr über die Einladung gefreut. Und der Abend bis hierhin war wunderbar. Vielen Dank, dass ich dabei sein kann. Meine Frau und ich sind sehr gerne hier. Und wir haben uns erlaubt, Ihnen auch eine Aufmerksamkeit mitzubringen. Darf ich Ihnen das überreichen? Das ist eine Aufmerksamkeit von uns für Ihre wunderbare gastgebende Rolle. Vielen Dank für diesen Abend.“

Müller: Ich freue mich auf ganz viele Tipps und Ratschläge in deinem Buch, was hoffentlich bald erscheinen wird. Ich wünsche dir viel Freude beim Schaffen. Und bin ganz gespannt darauf. Und liebe Zuhörer, vielleicht denken Sie auch über Medieninkompetenz nach.

Flint: Diagnose. Medieninkontinenz, Tröpfchen für Tröpfchen zum Kontrollverlust. Ich bin gespannt. Vielen Dank fürs Hiersein. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Und Ihnen auch, liebe Zuhörer. Auf Wiederhören und bis zum nächsten Mal. Bleiben Sie kompetent!

Episode #26 Ich würde es wieder tun!

Was treibt uns Menschen zu Reue oder sogar einem völligen Umdenkprozess? Beeinflusst die Unverrückbarkeit getroffener Entscheidungen unser Leben im Augenblick? Alles zu hinterfragen und zu bereuen kann das Jetzt prägen. Annette Müller widmet sich im Gespräch mit Falk Al-Omary in der heutigen Folge ihres Podcast dem Thema „Ich würde es wieder tun“.

„Gedanken zur Menschlichkeit“ ist ein philosophischer Podcast mit Annette Müller. Der Podcast möchte bewusst Kontroversen schaffen und neuen Gedanken abseits des Mainstream Raum geben.

Du möchtest Dich zu der Folge zu Wort melden? Setz Dich direkt mit Annette über Facebook in Verbindung: https://www.facebook.com/gedankenzurmenschlichkeit/

 


Annette Müller: Herzlich willkommen zur heutigen Podcastfolge. Gedanken zur Menschlichkeit. Ich freue mich auf das Gespräch mit Falk Al-Omary. Falk, wir haben ein wirklich spannendes Thema, was jeden interessiert. Es geht um „Ich würde es wieder tun. Reue oder jetzt erst recht“. Ich habe mir Gedanken gemacht, was Reue ist. Und was treibt uns dazu, eine Handlung, einen Gedanken oder eine Lebensweise tatsächlich zu bereuen? Und ich bin für mich zu dem Schluss gekommen, die Reue ist etwas, was mir im Weg steht, die Realität und das Jetzt und das, was tatsächlich ist, nicht genießen zu können. Ich kann nur etwas bereuen, wenn ich mir eine andere Zukunft durch eine andere Handlung vorstellen kann. Was sagst du dazu?

Falk Al-Omary: Das ist ein komplexer Einstieg. Ich kenne Reue primär unter dem Aspekt der Kaufreue aus dem Vertrieb. Ich habe mir etwas Schönes gekauft, freue mich in dem Moment, wo ich es gekauft habe, und bekomme dann am Ende, wenn ich zuhause bin: „Ach, das ist ein schönes Produkt, aber eigentlich hätte ich doch lieber noch das Geld auf dem Konto.“ Oder: „Ob das jetzt so klug war, vielleicht hätte ich das Geld lieber in eine Altersvorsorge investiert.“ Und dann kommt das schlechte Gewissen, obwohl ich ein sehr schönes Produkt habe. Das ist mein pragmatisches Gefühl zum Thema der Reue. Und das passt ja genau auf das, was du auch sagst: „Oh, habe ich jetzt einen Fehler gemacht? Hätte es eine bessere Alternative gegeben? Hätte ich mich anders verhalten sollen?“ Und dann kommt der Selbstvorwurf: „Du bist nicht konsequent. Du hast dich falsch verhalten. Du bist ein schlechter Mensch. Du bist unkontrolliert. Du bist unbeherrscht.“ Und dann wird dieses schöne Produkt, diese Freude, die ich empfunden habe, konterkariert. Insofern ist Reue in der Tat etwas ganz Gefährliches. Und auf der Zeitachse ist das interessant, weil ich mir den Genuss nehme, ich kann aber die Zeit nicht zurückdrehen. Also ich habe keine Option. Gut, ich könnte das Produkt vielleicht noch umtauschen. Aber nehmen wir mal an, das wäre ausgeschlossen bei Verhaltensweisen gegenüber Menschen, wo es nicht um einen Kaufprozess geht, sondern um eine Interaktion, kann ich die Dinge ja nicht ungeschehen machen. Und deswegen ist Reue so wahnsinnig problematisch und im Grunde gar nicht lösungsorientiert, sondern total problemfokussiert.

Müller: Ja, und deshalb verdirbt es wirklich auch den Brei. Diesen schönen süßen Brei, den man mit nachhause genommen hat und vielleicht gegessen hat. Und dann hat man hinterher Magenschmerzen. Jetzt ist natürlich eine, jetzt in meiner Welt oder in der Art und Weise, wie ich lebe oder meine ganzen Ideale betreffend, ausschließlich Reue über ein vielleicht vermeintlich sinnlos ausgegebenes Geld zweitrangig. Denn Geld ist für mich neutral und es kommt auch wieder. Also das heißt, wenn ich sage, ich habe mir jetzt was Falsches gekauft, was ich doch nicht so toll finde, dann weiß ich gleichzeitig, dass ich es das nächste Mal nicht mehr kaufe. Oder dann wirklich etwas, was mich glücklich macht. Weil wir wollen ja diese Zufriedenheit haben mit den Dingen, die wir erwerben. Egal, ob wir das kaufen oder ob wir es uns erarbeiten. Oder ob uns das Schicksal das sozusagen in den Weg legt oder in Form von Menschen, die uns zufällig begegnen, dann eben zukommen lässt. Ich glaube, Reue ist eher etwas, was einem das Leben verdirbt. Ich sehe es tiefer als jetzt nur einen Kauf. Wobei ich dir deine Reue jetzt nicht in Abrede stellen möchte. Aber ich denke zum Beispiel an etwas, was ich in meinem Leben wirklich bereue. Und ich glaube, dass ist auch tatsächlich das einzige. Und zwar dass ich eben als Anfängerin auf den Skiern verunglückt bin und eine Knieverletzung davongetragen habe, die mich heute noch beeinträchtigt. Also das ist etwas, was ich bereue. Mein Leben wäre ganz sicher anders verlaufen, wenn ich diesen Unfall nicht gehabt hätte.

Al-Omary: Ja, aber da sind wir doch – du hast es ja eingeführt – bei dem Thema der Reue. Eine Episode in meinem Leben, die mein Leben verändert hat. Das ist irreversibel. Dieses „ich kann es eben nicht ändern, ich kann es nicht zurückholen“ macht Reue einerseits so schmerzlich, andererseits aber auch so überflüssig, weil ich es eben nicht mehr ändern kann. Vor dem Hintergrund müsste ich jeden Tag 30, 40 Dinge bereuen. Eine Minute, die ich sinnlos verlebt habe. Die Stunde, die ich länger geschlafen habe. Das Gespräch, das drei Minuten zu lange gedauert hat. Das geht in die Richtung „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Besseres findet“. Dann müsste ich doch alles, was ich tue, hinterfragen und bereuen. Aber an welchem Maßstab will ich das denn messen? Wenn ich ein ganz konkretes Ziel habe, dann kann ich meine Zeit, meine Entscheidungen, meine Kontakte, diesem Ziel unterordnen. Aber wir sind doch nicht so radikal zielfokussiert, dass wir das wirklich können. Was ist denn mit der Zeit des Genusses, mit der Zeit des Austausches, mit der Zeit des Miteinanders, die ich nicht zurückholen kann? Muss ich das dann auch bereuen? Wie sinnvoll ist überhaupt Reue unter dem Aspekt meines menschlichen Seins? Das ich ja in ganz vielen Situationen gar nicht selbst bestimmen kann. Sei es durch Krankheit, sei es durch Schicksalsschläge, sei es durch Unternehmer-Kundenbeziehungen, die auseinander gehen. Sei es durch menschliche Enttäuschung. Ich bin ja immer in ein System eingebunden. Soll ich dann alles bereuen, was schiefgelaufen ist? Oder ist das am Ende nicht einfach nur Pech? Ist dann Pech gleich Reue?

Müller: Manchmal halten sich Pech und Glück schon irgendwo ein bisschen die Waage. Wenn man das dann schon als Glück oder Pech bezeichnen möchte. Das liegt auch in den eigenen Werten begründet. Unserer Beurteilung der Güte unseres Lebens und unseres Seins liegen ja immer unsere eigenen Werte zugrunde. Also für mich zum Beispiel ist genau das, was du beschrieben hast, Genuss. Das Zusammensein, mich zu freuen, egal was das ist, das ist für mich Lebensqualität. Und das bereue ich nie. Und ich würde auch niemandem dazu raten, das zu bereuen. Es sei denn, er ist so programmiert oder so ausgerichtet, sich später an einem bestimmten Ziel erst mal zu erfreuen, wenn er zum Beispiel einen bestimmten Umsatz erreicht hat oder eine bestimmte Auszeichnung. Also viele Menschen leben ja so, dass Sie sagen, jetzt arbeite ich hart, verzichte auf jeglichen Genuss, ich verzichte auf dies und jenes. Und später dann, wenn ich die Auszeichnung habe, oder wenn mein Konto so und so viel vorweist, werde ich es genießen. Es gibt auch Menschen, die beschränken sich selbst für die Erreichung eines gewissen Ziels. Zum Beispiel wenn ich jetzt so und so viel Umsatz gemacht habe, kaufe ich mir das Auto, die Uhr etc. – um eben dann auch den Anreiz zu haben, dass die Freude nach dem erreichten Ziel kommt. Das ist vergleichbar mit dem Spruch „Erst die Arbeit, dann das Spiel“, mit dem ich aufgewachsen bin.

Al-Omary: Dann brauche ich es aber auch nicht zu bereuen, weil ich ja einen Plan habe. Ich habe ein Ziel, du hast das Beispiel Umsatz genannt. Wenn dieses Ziel erreicht ist, belohne ich mich dafür. Dann folgt das ja einer Stringenz und ich habe auch nichts zu bereuen. Schwierig ist es aber, wenn dann ein Ereignis eintritt, das eben nicht mehr in den Plan passt. Dann habe ich mir etwas gekauft und es heißt es: „Hättest du mal das Auto nicht gekauft. Du warst am falschen Ziel unterwegs. Jetzt hast du es gemacht und es geht dir schlecht. Und jetzt du ein Problem, weil du dich belohnt hast.“ Und wenn dann die Lektion daraus ist, sich eben nicht mehr zu belohnen, wird natürlich das Leben umso trauriger. Und für mich geht Reue ja immer mit dem schlechten Gewissen einher. Du hast etwas falsch gemacht. Und diese Selbstvorwürfe, die machen das Leben natürlich auch deutlich schlechter. Viele sind regelrecht von Selbstvorwürfen zerfressen. Und ich nehme mich davon auch gar nicht aus. Also ich schlafe gerne lang. Ich hatte jetzt eine sehr intensive Arbeitswoche, habe so viel gearbeitet wie lange nicht. 20-Stunden-Tage, immer nur vier Stunden Schlaf am Stück. Und ich hatte mal einen Tag keine Termine und musste am nächsten Tag schon wieder weiter. Und ich habe diesen einen Tag nicht genutzt, um die Dinge aufzuarbeiten, die liegen geblieben, sondern ich habe sie wirklich verschlafen, weil ich schlicht und einfach nicht mehr konnte. Am nächsten Tag habe ich dann gesagt: „Verdammte Scheiße, hättest du das jetzt mal gelassen, hättest du jetzt mal gearbeitet. Jetzt hast du wieder Probleme. Jetzt rennst du schon wieder deinem Zeitplan hinterher. Du bist kein guter Typ, kein guter Unternehmer. Du bist nicht fleißig.“ Das kumuliert natürlich in einer Spirale des permanenten Getrieben- und Unglücklichseins. Und das finde ich macht Reue so wahnsinnig gefährlich. Sowohl als Wort als auch als Emotion.

Müller: Und wenn wir uns jetzt das Gegenteil anschauen, hier in unserem Thema. Wir haben ja die Frage „Reue oder jetzt erst recht?“ Wir würde denn das „jetzt erst recht“ aussehen im Gegensatz zur Reue?

Al-Omary: Das ist eine gute Frage. „Das hast du dir jetzt verdient“, wäre eine mögliche Reaktion. Da sind wir bei dem Thema Belohnung.

Müller: Der lange Schlaf kann die Belohnung sein.

Al-Omary: Ich könnte natürlich auch sagen: „Ich muss am nächsten Tag wieder fit sein. Du hast die nächste Woche mit 20-Stunden-Tagen vor dir. Es muss jetzt mal sein, damit du für die Menschen, mit denen du dann zusammenkommst, eine neue Performance bringen kannst.“ Natürlich kann ich mir das schön reden. Gleichwohl wird die Arbeit nicht gemacht an der Stelle. Und in dem Moment, in dem ich eben Müßiggang habe, kann ich es bereuen. Ich kann es aber auch für total sinnvoll erachten. Das ist einfach eine Frage der Perspektive. Wem nutze ich denn, wenn ich permanent übermüdet bin? Und ist überhaupt ein Nutzen stiften die Bestimmung? Geht es nicht eigentlich um etwas ganz anderes dabei? Aber ein „Jetzt erst recht“ wäre ja dann das andere Thema. Ich motiviere mich jetzt. Ich gebe jetzt Gas, ich ziehe das durch. Ich mache den nächsten 20-Stunden-Tag. Oder die andere Reaktion: Ich würde es wieder tun. Ich möchte jetzt jeden zweiten Tag so lange schlafen, weil ich einfach diese Energie brauche. Weil es mein Lebensstil ist. Oder weil ich dann am nächsten Tag aus den 20 Stunden 200 Prozent geben kann und dann quasi einen Wert von 40 Stunden schaffe. Das ist alles eine Frage der individuellen Betrachtung.

Müller: Ja, das sehe ich ganz genauso. Das erinnert mich an eine schöne Allegorie. Und zwar, das Leben ist ein Tanz und keine Reise. Also das heißt, wir haben kein Ziel, sondern wir tanzen auf der Stelle. Wenn wir das Leben genießen, das, was im Moment ist, entspricht dem Moment, wenn wir uns zur Musik des Lebens bewegen. Und da kommen wir dann eben nicht in diesen Stress hinein: „Ich muss immer performen, ich muss immer Leistung bringen.“ Sondern wir haben auch die Möglichkeit, diese Reise, die ohnehin geschieht, egal, was am Ende dann dabei rauskommt, zu genießen. Also gibt es zwei Möglichkeiten zu reisen. Entweder du sitzt im Zug und denkst an Termine. Oder aber du schaust nach draußen und erfreust dich an der schönen Landschaft, die vorbeizieht. Es gibt also zwei sehr verschiedene Formen von Reisenden im Leben, wie man in der Philosophie sagt.

Al-Omary: Ja, das ist am Ende natürlich eine Frage meiner persönlichen Bewertung. Und wenn ich mir die Zeit nehme, jetzt aus dem Fenster zu schauen und die Kleinigkeiten zu genießen, ist das für mich auch ein wichtiges Thema. Wir haben verlernt die Kleinigkeiten zu genießen. Wir jagen immer dem nächsten Thema hinterher. Dem nächstgrößeren, dem nächsten Termin, dem nächsten Ziel. Wenn wir das Umdenken wieder können und uns das ins Bewusstsein rufen, brauchen wir dann im Grunde auch nichts zu bereuen. Wenn ich aber sehr zielorientiert bin, kann ich natürlich falsche Entscheidungen getroffen haben. Trotzdem ist die Reue sinnlos, weil ich die Zeit eben nicht zurückdrehen kann. Es ist eine Frage meiner eigenen Bewertung. Und eine Frage, ob ich aus dieser Bewertung Konsequenzen ziehe und mich in Zukunft anders verhalte. Insofern ist Reue ja immer auch eine persönliche Lernerfahrung, die ich für mich nutzen kann oder eben nicht. Und die Lernerfahrung wird für mich nicht sein: „Ich schlafe einfach nicht mehr.“ Das kann nicht die Konsequenz sein. Aber die Lernerfahrung kann immer sein, anders zu bewerten, da auch meine Ressourcen endlich sind. In dem Eingeständnis kann ich möglicherweise ein besseres Leben führen und ganz groß gedacht auch ein besserer Mensch werden. Ich muss also die Reue als Emotion in mein Mindset, in mein Denken implementieren. Und dann wird sie wertvoll, wie jede andere Emotion auch.

Müller: Meine Tochter habe ich ziemlich frei erzogen. Und ich habe ihr gesagt: „Du kannst alles ausprobieren. Alles, ich verbiete dir gar nichts. Du kannst jeden Fehler machen, den du zweimal machen kannst. Aber denke daran, ein Fallschirm geht nur einmal nicht auf.“ Also habe ich ihr sozusagen mitgegeben: „Alles was du nicht wirklich bereust, also ohne Ende bereuen wirst, das probiere einfach aus. Und dann trage die Konsequenz.“

Al-Omary: Was ja genau in die Richtung geht. „Probiere es aus“ ist die Wahl, wie stark ist die Reue? Lerne dieses Gefühl auch erst mal zu verstehen. Dahinter steht ja auch ein Grund. Eine Reue hat immer auch irgendeine Ursache. Also ist es wirklich eine Charakterschwäche? Ist es eine falsche Verhaltensweise? Ist es etwas, was in mir begründet liegt? War es aus der Situation heraus? Also aus echter Freude heraus? Dann darf ich es um Gottes Willen nicht bereuen. Ich muss es ja auch in einen Kontext stellen. Ich glaube nicht jede Reue ist falsch. Es ist aber auch keinesfalls jede Reue gut. Aber dieses Bereuen als Implementierung meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung, das bringt uns dann glaube ich ein Stückchen weiter. Das gilt für viele andere Emotionen aber eben auch. Warum bin ich an einer Stelle wütend? Warum bin ich an einer Stelle enttäuscht? Warum bin ich an vielen Stellen verletzt? Das hat immer auch was mit mir zu tun. Und das zu reflektieren und für die Persönlichkeitsentwicklung zu nutzen, das wäre für mich dann zumindest ein positives Gefühl, aus dem ich etwas lernen kann. Und wo ich meine persönliche Weiterentwicklung auch gestalten kann. Da bin ich ja nicht nur Opfer, da bin ich ja auch Täter. Und dann wird es richtig wertvoll.

Müller: Ich finde es immer sehr wichtig, dass wir Menschen uns wirklich die Zeit nehmen, uns selbst zu reflektieren. Weil wir dann eben Schlüsse ziehen können, um in Zukunft andere Entscheidungen zu treffen. Und nicht einfach wie ferngesteuert zum Beispiel eine Strecke weiterzuverfolgen, obwohl wir genau spüren, unterbewusst, unbewusst, dass es uns in eine Sackgasse hineinführt. Und das ist das, was ich jetzt aus deinen Worten verstanden habe.

Al-Omary: Also ich glaube schon, dass wir in eine Sackgasse gehen, wenn wir immer auf dieser „Ich habe etwas falsch gemacht Ebene bereuen“ sind. Aber wir haben ja auch die andere Seite „Ich würde es wieder tun“. Und das würde ich mit dem Wort Stolz dann auch belegen. Ich bin stolz auf das, was ich getan habe. Und ich würde das jederzeit wieder so machen. Das entspricht meiner Haltung, das entspricht meinem Sein, meinem Ich, meiner Persönlichkeit. Das ist ja auch etwas Schönes. Ich denke auch an viele Dinge zurück, bei denen ich sehr klare, sehr radikale Entscheidungen für mein Leben getroffen habe und heute sagen kann, das war genau richtig. Das hat meinem Leben einen Impuls gegeben. Das würde ich genauso wieder machen. Wir haben Reue auch immer in diesem Negativkontext – der Begriff ist als Wort negativ konnotiert. Aber in dem Titel war auch die Frage „Ich würde es wieder tun“ als genau das Gegenteil. Dafür haben wir gar kein Wort. Also mir fällt jetzt Stolz ein.

Müller: Rückgrat könnte man auch sagen.

Al-Omary: Oder Konsequenz.

Müller: Ja, Konsequenz und Aufrichtigkeit. Bei sich sein, bei sich bleiben. Da könnte man laut darüber nachdenken, was das noch alles sein könnte. Finde ich superspannend, diese Frage. Also wenn ich sage: „Ich würde es wieder tun“, muss ich mir ja erst mal die Frage stellen: „Würde ich es wieder tun oder doch lieber nicht?“ Und dann habe ich ja ausschließlich meine Fantasie zur Verfügung, um mir eben auszudenken, wenn ich es anders machen würde, was denn dann gewesen wäre? Und dann kann ich mir nur sagen, das wäre vielleicht besser gewesen, vielleicht wäre es sogar schlechter gewesen. Aber ich würde es wieder tun, einfach weil es meinen innersten Überzeugungen und meiner allerinnersten Wahrheit entspricht. Deshalb würde ich es wieder tun. Das erinnert mich auch so ein bisschen an Widerstand. Obwohl man das natürlich ganz anders beschreibt, das wieder tun und den Widerstand. Aber dann habe ich die Möglichkeit sozusagen kraftvoll zu sein, stark zu sein, meinen Willen zu entwickeln und anderen Menschen oder anderen Urteilen auch die Stirn zu bieten.

Al-Omary: Ich habe ja die Option, um das Beispiel Kaufen einfach noch mal reinzubringen, mich dem zu widersetzen, den guten Argumenten des Verkäufers. Dem Impuls des Kaufens des schönen Füllers oder was auch immer. Ich sammle jetzt Uhren und Füller. Deswegen bin ich an dieser Stelle gedanklich auch in einem Montblanc-Geschäft. Aber am Ende sage ich natürlich auch, du schreibst damit nicht, du sammelst sie. Und wenn du damit schreibst, was ist dann anders, als wenn du jetzt einen normalen Pelikan Füller nimmst? Ich lege auf diese Dinge eben Wert. Aber ich würde auch sagen, ich werde es wieder tun. Weil dieses Gefühl, etwas Schönes zu erwerben, es in einem schönen Ambiente präsentiert zu bekommen, es wertzuschätzen in jedem Detail, das gehört eben auch zu mir. Ich habe einen gewissen Anspruch an mich und an die Dinge, die mich umgeben. Also kann ich zwar den Kauf bereuen, ich muss aber genauso sagen: „Ich werde es wieder tun.“ Das ist vielleicht noch gar nicht mal unbedingt ein Widerspruch. Weil es meinem Charakter, meinem Wertesystem, meinem Wertempfinden entspricht, bestimmte Dinge um mich herum zu haben. Es gehört also zu mir. Und am Ende des Tages gehören auch Fehlentscheidungen zu mir. Sie sind aus meinem Geist heraus entstanden. Ich habe das entschieden. Wie auch immer ich in dieser Entscheidung beeinflusst worden bin, aber ich habe auch das aktiv zugelassen. Also im Grunde könnte man dann auch sagen, eigentlich steht mir Reue gar nicht zu. Ich habe es so entschieden.

Müller: Das ist ein sehr interessanter Gedanke: „Eigentlich steht mir Reue gar nicht zu, aufgrund dessen, dass ich es entschieden habe.“ Also ich glaube, Reue könnte mir schon zustehen, wenn ich etwas daraus lerne, wenn ich etwas für die Zukunft daraus lerne. Also ich würde zum Beispiel nie bereuen, mir irgendetwas Wunderschönes anzuschaffen, weil ich, wenn ich das tue, eben auch mit dem, was ich gebe, wertschätze, was der andere geschaffen hat. Das heißt, ich unterstütze das Gute. Ich unterstütze das Schöne. Ich unterstütze die Kreativität. Was ich bereuen würde, wäre, wenn wir beim Kaufen sind, wenn ich mir etwas aufschwatzen lasse. Wenn der andere mir irgendetwas verkauft, weil er mir das einfach nur verkaufen will, damit ich mein Geld dort lasse. Und es ist hinter diesem Produkt nichts anderes als reiner Geldaustausch. Also reiner Konsum. Das sind Produkte, die werden hergestellt einfach nur, damit Leute ihr Geld dafür ausgeben. Und das Produkt macht keinerlei Sinn.

Al-Omary: Das müssen nicht immer Produkte sein. Es gibt auch Dienstleistungen, die völlig wertlos sind. Da würden mir schon auch ein paar einfallen.

Müller: Da fällt mir jetzt gerade gar nichts ein.

Al-Omary: Na ja, ich sage mal, so manches Speaker-Event halte ich für relativ überflüssig. So manche Versprechungen von „Werde schnell reich und werde schnell berühmt“ gehen mir schon ziemlich auf den Keks. Sind für mich moralisch fragwürdig und lösen bei vielen eine Kauffreude aus. Ich habe lange in diesem Kontext gearbeitet und weiß, dass die Stornoquote extrem hoch ist. Also die Begeisterung, in so einer Euphorie etwas zu kaufen, und dann von seinem 14tägigen Rückgaberecht Gebrauch zu machen, ist ein sehr messbarer Faktor für Reue, die eingesetzt hat. In vielen Fällen ist diese Reue auch ein Akt der Vernunft. Und da bin ich wieder am Thema, steht mir die eigentlich zu? Ich habe, das muss ich doch dann zugeben, mich in etwas hineinquatschen lassen. Also ist die Reue die Konsequenz einer Fehlentscheidung, die ich aus einer Schwäche heraus getroffen habe, weil ich in dem Moment empfänglich für Botschaften war, die rational nicht begründet sind. Die letztlich nicht zu mir gehört haben. Also bin ich doch am Ende selbst schuld und darf im Grunde wieder nicht bereuen. Ich habe nur durch das Widerspruchsrecht die Chance, meine Fehlentscheidung zu revidieren. Das habe ich bei Produkten häufiger als Verbraucher. Aber im Leben habe ich es eben nicht. Wenn ich mit einer Freundin Schluss gemacht habe, ist es schwierig, die wieder zurückzugewinnen, je nachdem, wie tief die Verletzung ist. Wie schnell trifft man im Affekt Entscheidungen gegen Menschen, die sich nachher dann doch als sehr wertvoll herausgestellt haben. Wie oft fällt man aber umgekehrt auch auf Menschen herein, die einem etwas vorgegaukelt haben. Da hat man auch extrem viel Möglichkeit zur Reue. Und auch da muss man aber sagen: „Bist dann selber schuld. Hast dich von irgendwelchen Nebenkriegsschauplätzen beeinflussen lassen. Der Typ hatte so einen coolen Anzug an, der schien Geld zu haben. Der Typ kam so nett daher, warum hast du nicht gemerkt, dass der sich eigentlich als böser Mensch entpuppt? Warum hast du den sofort in eine Schublade gesteckt?“ Es sind ja immer die Umstände und der Kontext, die mich zu irgendeiner Entscheidung bewegen. Also liegt es dann auch an mir. Ich darf es nicht bereuen, aber ich muss die Chance haben, es zu revidieren, wo es möglich ist. Und oft kann ich es eben nicht, weil viele Dinge irreversibel sind.

Müller: Weißt du, was mich gerade getroffen hat und angesprochen hat, war, dass du Schwäche erwähnt hast. Du hast eine Entscheidung getroffen, weil du in dem Moment schwach warst. Also wir werden von jemandem belabert, irgendeinen Vertrag zu unterschreiben, weil der uns schwach gemacht hat. Kann das sein? Wir sind schwach geworden, weil wir eine Person getroffen haben, die uns vorgemacht hat, uns unsere tiefsten Wünsche zu erfüllen, unsere Sehnsüchte. Und da waren wir dann schwach. Also das war dann unsere Achillesferse. Und da glaube ich, ist Reue ganz gut, wenn wir unseren Schwachpunkt sozusagen erkennen. Und dann können wir das nächste Mal anders reagieren.

Al-Omary: Schwäche ist gar nicht mal konträr zur Stärke. Sondern Schwäche bedeutet auch, dass wir in dem Moment unseren Pfad der Tugend, unsere eigenen Werte, unsere eigenen Prinzipien, verlassen haben. „Wir hätten es besser wissen müssen“ ist ja häufig der Nachsatz, der dann kommt. Wir haben uns an dieser Stelle von unserer eigenen Menschlichkeit und unseren eigenen Tugenden entfernt, weil wir abgelenkt worden sind von Dingen, die dieses Ereignis umgeben haben.

Müller: Also ich habe schon Entscheidungen getroffen, Dinge zu tun, von denen ich wusste, das wird nicht so, wie ich mir das denke oder was ich mir da erhoffe. Das heißt also, meine Mutter hätte mir sicherlich gesagt: „Kind mach das nicht, das wirst du bereuen.“ Aber meine Gedanken waren, dass ich das trotzdem mache. Auf der anderen Seite ganz viele von diesen Dingen, die andere bereut hätten – ich aber nicht, dadurch, dass ich eben mit offenen Augen dieses Risiko eingegangen bin, etwas zu tun, was ich hinterher vielleicht bereuen würde, habe ich es nicht bereut. Und da würde ich sagen, das würde ich definitiv wieder tun.

Al-Omary: Das ist eine Frage, wie bewusst bist du dir deiner Entscheidung? Ich habe das Recht, Fehlentscheidungen zu treffen. Ich habe das Recht, Fehler zu machen. Das Recht nimmt mir ja noch nicht mal der Staat. Ich habe natürlich auch das Recht, Verlust zu machen, und ich muss dann auch keine Steuern bezahlen. Also das Grundrecht auf Fehler gesteht mir die Gesellschaft, gesteht mir jeder andere Mensch auch zu. Ich muss dann nur eben auch die Konsequenzen tragen. Und das muss man dann auch der Ehrlichkeit halber sagen. Häufig bereuen wir gar nicht das Ereignis, sondern wir bereuen die Konsequenzen, die das Ereignis ausgelöst hat, als ein Akt des Selbstmitleids. „Jetzt hast du wieder mal ins Klo gegriffen, weil du eine falsche Entscheidung getroffen hast.“ Und da ist die Reue nichts anderes als ein Abklatsch des Gedankens: „Hättest du doch besser wissen können.“ Wo ich wieder bei dem Thema bin: „Ach du bist ja irgendwie auch ein schlechter Mensch.“ Wir bereuen häufig die Begleitumstände. Wir bereuen ja nicht den Kauf des teuren Produktes. Sondern, dass jetzt das Geld nicht mehr auf dem Konto ist, das ich eigentlich für eine Altersvorsorge vielleicht hätte aufwenden können. Wir bereuen nicht, diesem Menschen begegnet zu sein, sondern wir bereuen den Schaden, den er angerichtet hat. Reue ist unheimlich oft auch extrem unehrlich und wird auf das Ereignis selbst projiziert oder auf die Person oder auf den Auslöser, der wir am Ende aber selber sind. Da müssten wir uns glaube ich auch ehrlicher machen.

Müller: Ja, das sehe ich auch so. Wobei ich an dieser Stelle gleich einhaken möchte. Du hast zum Beispiel dieses Thema angesprochen: „Ich habe das Geld nicht mehr auf dem Konto und könnte es sozusagen vernünftiger einsetzen oder eingesetzt haben.“ Da ist dann die Frage, wäre das wirklich das Vernünftige? Weil wir doch zum Beispiel keine Ahnung haben, wie alt wir überhaupt werden. Brauchen wir eine Altersvorsorge oder nicht? Ist das immer gut, sich selbst so zu verhalten und zu leben, dass wir vielleicht gar keine Altersversorgung in dem Sinne brauchen? Nicht weil wir früh sterben, sondern weil wir immer in der Lage sind, uns selbst zu versorgen. So eine Altersvorsorge hat ganz viel auch mit Angst zu tun.

Al-Omary: Es ist auch nur ein Beispiel, bei dem ich sage, das Geld ist jetzt weg, man hätte es auch anders investieren können ins Unternehmen. Ich will das gar nicht so stark auf die Altersvorsorge bringen. Aber ich komme gerne zu einem anderen Gedanken zurück, den du mir jetzt wiedergegeben hast. Nämlich, dass wir in vielen Fällen fremdbestimmt sind. Wir wissen nicht, wie alt wir werden. Und da ich es nicht weiß, muss ich eine gewisse Vorsorge betreiben. Zumindest Liquidität aufrecht zu erhalten. Ich weiß nicht, wie lange bestimmte Maßnahmen des Staates oder bestimmte Gesetze gelten. Also muss ich eine gewisse Liquidität vorhalten. Ich weiß nicht, ob am Ende der Kunde noch bezahlen kann und wie sicher sein Vertrag ist und wie sicher er in seinem Leben steht. Also muss ich irgendwie einen Ersatz schaffen. Also ich kann, nicht als Unternehmer, aber auch nicht als Mensch, als Privatperson, immer in den Tag hineinleben nach dem Motto: „Die Sonne scheint zum Fenster rein, es wird schon alles richtig sein.“ Ich kann mich nicht auf „Es wird schon gut gehen“ verlassen und nach dem rheinischen Grundgesetz leben – ich muss schon eine gewisse Selbstfürsorge auch betreiben. Und wenn ich dieser widerspreche, dann bereue ich möglicherweise nachher manche Entscheidung.

Müller: Und diese Selbstfürsorge könnte man doch unter Umständen auch bereuen.

Al-Omary: Sicher, wenn ich dann mit 40 gestorben wäre und viel Geld auf dem Konto hätte, müsste ich es im Nachhinein bereuen, wenn ich es dann noch könnte. Ich weiß es halt nicht. Das ist eben der Punkt. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Und die Strafe sind diese negativen Begleiterscheinungen, die ich dann möglicherweise bereue. Und das ist dann eine Abwägungssache. Was ist denn besser, mit 40 zu sterben, aber ich hätte bis 80 mit dem eigenen Geld auskommen können? Oder mit 80 zu leben und in Altersarmut zu sein? Beides ist jetzt irgendwie Mist.

Müller: Das ist natürlich ein ganz ungewisses Pflaster, auf das wir uns zubewegen. Aber das ist ein Thema der Menschheit. Keiner kann die Zukunft voraussagen. Jeder versucht irgendwie eine Art Sicherheit aufzubauen. Aber dieses Netz existiert nur in unserer Vorstellung. Wir wissen nicht, was in der Zukunft auf uns zukommt. Und nur deshalb auf etwas zu verzichten, was uns Glück bringt und tatsächlich glücklich macht, um dieses merkwürdige imaginäre Sicherheitsnetz dann mit 80 oder 70 oder sonst irgendwie etwas zu haben, oder vielleicht auch nur morgen. Das ist doch zumindest für mich ein bisschen fraglich. Weil uns das ganz viel tatsächliche Lebensqualität nimmt. Nicht das mit der Sonne, die zum Fenster reinscheint und alles wird in Ordnung sein. Das meine ich damit nicht. Aber man sollte doch das Fenster, durch das die Sonne tatsächlich reinscheint, nicht einfach zu machen und sagen: „Okay, ich mache es erst morgen auf.“

Al-Omary: Aber die Antwort darauf ist doch relativ einfach, weil ich eine persönliche Erwartung habe. Die Erwartung, wie alt werde ich werde, kann ich mit meinem Lebenswandel beeinflussen. Das kann ich vielleicht auch mathematisch errechnen. Ich fahre 60000 Kilometer Auto im Jahr, wie viele Verkehrstote gibt es, wann bin ich denn dran? Ich kann statistische Wahrscheinlichkeiten nehmen, wie alt ich denn werde. Ich muss ja irgendwelche Maßnahmen ergreifen, um mein Leben halbwegs in den Griff zu bekommen. Ich habe bestimmte Erwartungen, und ich habe bestimmte Vorstellungen, wie es im Alter denn sein soll. Und ich habe auch Vorstellungen, wie es dahingehen soll. Und diese eigenen Erwartungen, auf die kann ich meine Wertmaßstäbe und meine Handlungen hin abzielen. Und dann muss ich eben sagen: „Kann ich mir den Kauf jetzt leisten? Hat mich diese Entscheidung zurückgeworfen oder nicht?“ Ich muss am Ende eigene Erwartungsbilder schaffen, auf deren Basis Wertmaßstäbe definieren, damit ich dann messen kann, bereue ich das jetzt, ist das richtig oder ist das falsch? Und wenn ich diese Wertmaßstäbe habe, kann ich Reue zumindest halbwegs qualifizieren. Und nur dann kann ich es aber auch einordnen und für mich als intellektuelle Rendite irgendwo verorten. Nur dann kann ich sagen, dass ich etwas aus der Reue lerne oder ich akzeptiere die Fehlentscheidung als Learning. Oder nein, ich brauche das nicht zu bereuen, weil ich das eben bin. Aber ich muss es an irgendetwas festmachen, ich muss es irgendwie benchmarken können. Das heißt, ich muss zur Persönlichkeit heranreifen, um diese Reife in klare Handlungsmaximen zu manifestieren, an denen ich dann messen kann, muss ich das bereuen oder muss ich es nicht bereuen? Wer aber nur durchs Leben wabert und keine Handlungsmaximen hat, der kann weder bereuen noch es positiv implementieren, weil er wie eine Amöbe durchs Leben geht. Ich brauche aber irgendeinen Halt. Alles ist nur im Kontext relevant.

Müller: Du hast das Stichwort gesagt, das sind die Werte. Und die Werte, die wir haben, die bestimmen, ob wir etwas bereuen, oder ob wir es wieder tun würden oder ob wir sagen würden: „Jetzt erst recht“. Welche Werte haben wir? Was steuert uns? Und du hast auch gesagt: „Das bin ich.“ Und ich glaube, dass das jetzt sozusagen hier, dass wir einen Punkt, gemeinsamen Nenner gefunden haben in dieser Diskussion. Dass wir nichts bereuen, wo wir sagen: „Das bin ich. Und deshalb würde ich es einfach wieder tun.“ Und da ist jeder Mensch anders, weil jeder seine eigenen Wertvorstellungen hat.

Al-Omary: Ja, und weil er auch sagen kann: „Das gehört zu mir. Auch diese Fehlentscheidung gehört zu mir.“ Und diese Fehlentscheidung gibt vielleicht dem Leben eine andere Richtung. Wir wissen aber auch, dass jeder negativen Erfahrung auch wieder eine positive folgt und umgekehrt. Das ist alles irgendwo im Fluss. Also Reue ist auch etwas sehr Vergängliches. Etwas so Sinnloses, weil es morgen schon wieder anders sein kann. Deswegen ist Reue auch gar nicht das, was unser Leben beeinflussen sollte. Aber ich muss aus Reue wie aus jeder anderen Emotionen Rückschlüsse ziehen und lernen. Und mit jeder falschen Entscheidung, die ich bereuen könnte, werde ich am Ende zu einem besseren Menschen werden. Und wenn ich das implementiere und das für mich manifestiere, dann glaube ich, kann Reue etwas Positives sein. Dann ist es auch gar nicht so wichtig, ob ich es wieder tue oder nicht. Weil selbst, wenn ich es wieder tue, tue ich mir ganz am Ende etwas Gutes. Das wäre so ein versöhnlicher Gedanke zu dem negativen Wort Reue.

Müller: Da fällt mir noch eine andere Möglichkeit ein. Und zwar könnte es auch sein, dass wir etwas, was wir tun, im ersten Moment bereuen und dann aber feststellen: „Oh, wenn ich es nicht genauso getan hätte, hätte das Positive, was tatsächlich daraus entstanden ist, nicht entstehen können.“ Sodass wir sagen: „Oh, im Prinzip habe ich es eigentlich richtig gemacht.“

Al-Omary: Es gibt immer eine Dialektik. Es gibt das Gute nicht ohne das Böse. Es gibt das Gute nicht ohne das Schlechte. Und auch Dialektik zulassen ist eine intellektuelle Leistung, die ich zu meiner Menschwerdung integrativ nutzen muss.

Müller: Schön. Ich freue mich über den Nenner, den wir gefunden haben und ich verabschiede mich von Ihnen, liebe Zuhörer, bis zum nächsten Mal.

Paris Juni 2015 – Frühling!

Es ist Frühling in Paris. Die Luft duftet wie Paris im Frühling. Es ist heiss. Die Sonne brennt auf die antiken Steine der Boulevards, Rue.. s Trottoirs … Die Hitze bringt eine typische Stille mit sich, die auch durch den Lärm der Autos und Motocyclettes nicht gebrochen werden kann. Alles ist verzaubert, Paris und Sonne, ich erblicke unübertreffliche Schönheit wohin mein Auge sieht. Inbegriff der wunderbaren Schaffenskraft der Menschen.

Der Schatten ist kühl, wie ein liebender Hauch umarmt er mich, streichelt meine Schweißtropfen – fühlt sich richtig gut an. Zarte Lüfte bewegen sich in den Schatten und bringen den Geruch von trockenem Staub, glühendem Pflaster und schmelzendem Teer mit sich. Diese Mischung versetz mich sofort in meine Kindheit zurück!

Rue Saint Anastase 

Ich erinnere mich an die Wohnung im ersten Stock am Place de la Republik, dort war es im Sommer immer heiss, alle Fenster standen weit offen. Die Lüfte trugen die Klänge der engen Rue St. Anastase mit sich. Ununterbrochenes Hupen und laute Gespräche. Verhandlungen über Knöpfe und Stoffe wurden auf der Straße geführt, fluchende rauchende Franzosen entluden schwere Stoffballen aus Lieferwagen mit laufendem Motor. Aus der Küche drang der unglaublich paradiesische Duft von Melonen. Die Freundin meine Mutter kochte Couscous. Ah! Mit Kichererbsen. Die waren für mich das Highlight des Gerichtes. Vollgesogen mit dem Aroma der Suppe in der sie stundenlang Seite an Seite mit Lamm, Rindfleisch und Gemüse gekocht hatten. In meine Erinnerung mischt sich nun das Geräusch des Fernsehers aus dem Wohnzimmer. Ich sehe den kleinwüchsigen grauen Gaston vor mir, wie er auf der Couch vor dem Fernseher sitzt. Niemals hatte ich Gaston ohne eine Gauloise im Mundwinkel gesehen. Der graue, bittere, beissende Geruch und Gaston waren eins. Ich weiss, es war wundervoll. Es war so wundervoll, dass ich Abends nicht einschlafen wollte, weil ich die abendliche, nächtliche Mischung von allem so wunderbar fand, ich wollte nicht eine Minute davon verschlafen. 

Paris, Juni 2015 – ELLE

Und urplötzlich möchte ich sie sein. ….eine hochgewachsene, kantige, hagere Parisienne, dunkelhaarig, mit ausgeprägten Wangenknochen, vollen Lippen und operierter Nase. Sie lebt auf dem Boulevard St. Michelle im 5. Stock in einer 450 qm Wohnung mit Blick über die Seine und auf Notre Dame. Über ihr, im Dachgeschoss ist das Hausmeisterehepaar, Mme et M. Jablon, untergebracht und ihre 3 Aupairs für ihre 2 Kinder Colette et Alain. Sie haben den Auftrag mit den beiden jeweils ihre Muttersprache zu sprechen. Englisch, Spanisch und Russisch. Jeden Morgen öffnet Sie die Glastüren zum Boulevard um auf dem meterlangen Balkon vor den schwarzen, schmiedeeisernen Geländern Platz zu nehmen.

 

Natürlich rauche ich! Mein duftender Café steht neben mir. Heute werden die neuen Werke des „noch“ unbekannten Künstlers aus New York angeliefert. Bei meiner letzten Reise habe ich ihn entdeckt – Neo! Welche Begabung! Merveilleus! Mais oui! Bien sur ist er einer meiner Liebhaber! Einige Gemälde sind so groß, dass sie nur über eine Feuerwehrleiter durch die Balkontür passen. Am kommenden Weekend ist die Vernissage. Hierzu erwarte ich die ganze Haute Volé de Paris und Nizza. Dort verbringe ich die Sommer, wenn es in Paris zu heiss ist.

Nachdenklich betrachte ich das Ambiente. Die Räume wurden vom bekanntesten Innenarchitekten Frankreichs speziell zu diesem Ereignis umgestaltet. Meine Gedanke schweifen zurück. Er und sein langjähriger Geliebter haben erst kürzlich geheiratet. Das Fest wurde in einem der Seitenflügel des Louvre gefeiert. Diniert haben wir im Jardin des Tulleries in der Rue Rivolie. Der Bereich war mit Eisengittern abgeriegelt. Vor jedem dieser stand ein dunkelhäutiger, muskulöser Bodyguard. Alle in glänzenden, schwarzen Maßanzügen. Einer attraktiver als der andere. Es war schwer das Ende des Essens ab zu warten. DJ Des Monds heizte uns mit House und R&B ein. Der Vollmond stand hell über dem Louvre, der Tour Eiffel war beleuchtet, glitzerte in verschiedenen Farben und Rhythmen. Der Abend war perfekt.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, erhebe mich von meinem bequemen Balkonstuhl, schreite über das Parkett zu meinem Schreibtisch. Jeder meiner Schritte macht klack-klack, einzelne der honigfarbenen Holzbalken stöhnen. Ich hole mir das ledergebundene Album.

Genüsslich schlage ich meine wohlgeformten, langen Beine übereinander.

Ich trage Schwarz! Schwarze Strümpfe, hochhackige Schuhe, eine kurzen Rock; und selbstverständlich niemals Hosen. Mein Blick schweift über Paris und ich genieße die Atmosphäre. Ein Bus voller Touristen steckt im Verkehr der sich langsam nach vorne quält. Ein Fahrgast entdeckt mich, schubst seine Freundin an. Sie blickt nach oben und beide zeigen mir ihre Zähne. Ich lache zurück und winke. Nun werde ich fotografiert. Ach, wie wundervoll kann das Leben doch sein! Auch andere sehen nach oben. Von manchen nehme ich Bewunderung wahr, von anderen wiederum Neid.

Und dort entdecke ich auch Annette. Und ich spüre ganz genau, dass sie sich gerade vorstellt, wie es wäre ich zu sein. Sie hat Gänsehaut……. speziell bei dem Gedanken den Aufzug zu betreten, mit dem ich jeden Tag nach unten und oben fahre. Sie kann das Eisen riechen, das im Jugendstil geschmiedet einen Käfig um die Kabine bildet. Sie kann hören, wie das Schiebetor die einzelnen Elemente heftig aneinander schlägt, so dass es kurzzeitig ein metallisches Scheppern gibt, welches das Ohr schmerzt. Sie stellt sich vor die Plattform zu betreten, den kalten Gittergriff zu fassen und mit einem kräftigen Schwung das Tor zu schließen und auf den am meisten abgenutzten Knopf aus Schellack zu drücken. Mit einem kurzen Ruck nach oben rattert die Kabine gemächlich herab. Das Abwärts klingt rhythmisch, musikalisch. Durch die Gitter hindurch kann sie das Treppenhaus sehen, das hölzerne Geländer. Jede einzelne Etage hat ihren eigenen Geruch. Dort wo Françoise mit ihrer jetzigen rothaarigen Freundin Rachèle lebt ist ein Hauch von japanischem Räucherwerk wahrnehmbar. Weiter unten hängt unverkennbar das Rasierwasser von M. Frenkel in der Luft. Sein Schäferhund bellt. Les Berger Allemands sind in Paris ganz besonders chique. Machmal mischt sich auch der Duft seiner jeweiligen Geliebten mit dem seinen. Düfte können verräterisch sein. Annette kann daran erkennen, ob M. Frenkel aus dem Hause gegangen ist, oder zurückkam. Ging er aus, dann überlagert sein frisch aufgetragenes Parfum den Geruch seiner Antiquitäten, der sich im Haus verteilt, wenn er seine Tür öffnet. Kam er zurück, dann mischte sich der Geruch von Knoblauch und Wein dazu.


Kurz bevor der Ascenseur anhält gibt es wieder einen kurzen Ruck, Annette spürt ihn deutlich im Magen. Auf dieses Gefühl hat sie schon gewartet. Sie erwartet es jedes mal. Sie öffnet die Kabine, betritt das Treppenhaus. Die Kühle der Steine umgibt sie. Die Absätze ihrer Schuhe machen einen ohrenbetäubenden Lärm, sonst ist nichts zu hören. Sie geht zum Ausgang, fasst den geschwungenen Messinggriff und zieht die endlos schwere, geschnitzte Holztüre zu sich. Sie muss sich anstrengen. Mit der linken Schulter hält sie die massive Tür auf und schlängelt sich durch die Öffnung. Ganz kurz bleibt sie stehen. Das Holz fällt mit einem dumpfen Schlag hinter ihr ins Schloss. Sie fühlt den Hall im Rückrad. Dann wird sie sich der Hitze der Straße bewusst. Die Gerüche und der Lärm des Boulevards St. Michelle fangen sie ein, Paris umarmt sie. Gänsehaut……

 

 

Schattenarbeit?

Eines Morgens erwachte die Katze und starrte auf ihren Schatten! „Ah, heute werde ich einen Elefanten jagen und verspeisen!“ Also machte sie sich auf die Suche und die Jagd auf einen Elefanten.

Am Mittag sah sie erneut auf ihren Schatten. Nachdem sie einen Moment sinnierte, sagte sie sich: „Eine Maus tuts auch!“

 

Frei nach Khalil Gibran

Paris, Juni 2015 „ILAPADELÄÄ“

ILAPADELÄÄ

Ben und ich sitzen uns in der Metro gegenüber. Wir wollen zu Rosa Bonheur. Viele Menschen stehen eng gedrängt beieinander und schaukeln harmonisch im Rhythmus der Fahrt. Einige reden angeregt miteinander und versuchen den Lärm zu übertönen, andere schweigen. Manche schauen interessiert oder müde, fertig und verschlafen. Die Metro geht mit uns um die Kurven, Eisen auf Eisen kreischt. Obwohl ich die Funken nicht sehen kann, so sehe ich sie trotzdem in meinen Gedanken. Ein Fenster steht auf. Das Fahrgeräusch wird von der Tunnelwand zurückgeworfen und drängt in den Wagon. Es ist laut. Von irgendwo ist ein Geräusch zu hören, klingt wie ein schräger Housemusic sound. Oder nicht? Es erinnert doch eher an eine junge Krähe..

Ich blende das fremdartige Geräusch aus, betrachte Ben. Er scheint ein ewiges Lächeln im Gesicht zu haben. Ben ist Zirkus-Artist, Musiker, Sänger, Tänzer. Für mich ist er der geborene Clown, der auch im Schlaf ganz sicher noch das Clownslächeln weiterlebt, da bin ich mir ganz sicher. Ich erinnere mich an Dukes in Waikiki, wo wir das erste Mal die Tanzfläche leergefegt haben… nun bermerke ich das er irritiert schaut. Was hat er? Oh, nun fällt es mir auf, es ist dieses Geräusch, es wird mir wieder bewusst. Doch nun ist es viel lauter und näher gekommen.

Und dann sehe ich sie! In lange, schmutzige Kleider gepackt, den Kopf halb mit einem dunklen braunen Tuch bedeckt, bahnt sich die kräftige, junge Roma ihren Weg im Schneckentempo stoisch durch die Menge. Mit einer nervenden Regelmäßigkeit, die an das ätzende Tropfen eines Wasserhahnes in der Nacht erinnert, tönt sie krächzend: ILAPADELÄÄÄ —- ILAPADELÄÄÄ – ILAPADELÄÄÄ ! Ilapadelä kommt immer näher zu uns. In ihrer rechten schmutzigen Hand hält sie einen zerflederten Pappbecher, den sie den Leuten aufdringlich entgegenstreckt. Auf dem linken Arm trägt sie einen unverkennbar männlichen, pausbackigen, kräftigen Säugling, der genau so stoisch schaut, wie sie. Der Blick beider gleicht sich auf erschreckende Weise. Er ist leer! Ausdruckslos….. In regelmäßigen Abständen bleibt sie stehen, nimmt ihre rechte Hand, in der sich der Becher befindet und streichelt, vermeintlich zärtlich, mit den freien Fingern über das Gesicht des Jungen, sieht ihn mit ihrem leeren Blick an, richtet dann ihren leeren Blick in Richtung Fahrgäste und tönt: ILAPADELÄ — ILAPADELÄ! Ach so, nun verstehe ich auch was sie sagt: Il n´a pas de lait! Er hat keine Milch….

Auf dem Weg durch den Park zu Rosa Bonheur geht mir Ilapadeläää nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein Ohrwurm hat es sich eingefressen. Was soll ich nur tun um das wieder los zu werden. Ich bitte Ben darum einen Song daraus zu machen. Ich versuche es acapella dem Rythmus meiner Schritte an zu passen. Nichts hilft. Es wird zu einem Fuchsbandwurm… Im Park legen wir uns in die Sonne. Ben liegt im Schatten. Seit sein Bruder an Hautkrebs gestorben ist hält er sich nur noch im Schatten auf. Nie in der Sonne, auch nicht auf Hawaii. Ich bin eingeschlafen. Noch im Aufwachen klingt es wieder in meinem Kopf, Ilapdeläääää, wobei das ääääää immer länger und lauter wird. Ich beschließe es auf zuschreiben und sofort bekommt es eine andere Qualität. If live gives you lemon, make Lemonade…

Paris Juni 2015 – ich und mein Croissant

Croissant au Beurre, wie viele Möglichkeiten gibt es dich zu geniessen? Wann und wie schmeckst du mir am besten?
Wo – en France – bien sur – noch besser a PARIS!
Beginne ich an der Seite, mit einer der zwei Enden….?

Ich beherrsche mich mit dem Zubeissen! Geniesse das sinnliche Erleben des Herausziehens der zweiten Ecke… dis donc – wie sieht das denn aus! Oh Gott, wie fühlt sich das an… irgendwann gibt der Widerstand des Teiges nach, doch ich lasse mir Zeit damit und ziehe ganz ganz langsam, so sanft und dennoch so unnachgiebig wie möglich. Sind diese Croissant Krümel nicht unglaublich dekorativ?

Ich befinde mich ganz und gar im Hier und Jetzt!
Es gibt nur mich und die dunkelbraune Unterseite des Croissants.
Isch beisse quer inein, so dass isch eine krosse Widerrstande inter der oberen Zahnreihe schpüre und gleischzeitige auf die Zunge. Mon Dieu!
Ich koste dieses Gefühle noch 2 Sekunden lang aus bevor ich das Stück zermalme, es sich mit dem reichlich fließenden Speichel vermischt und immer besser wird. Endlich darf es dann im Magen ankommen und mich von innen heraus mit einem Seufzer erfüllen.
Natürlich müssen’s zwei Croissant sein! Den zweiten zerpflücke ich, ich reisse den oberen Zipfel gnadenlos herunter. Die Fingerspitzen tauchen ein, durchdringen die knusprige Schicht, hinein in den weichen, zarten Teig; sind nun fettig und salzig, beim Abschlecken wie ein Dessert!

Mademoiselle Lombard und Mademoiselle LeBoeuf

Irgendwann haben mich meine Eltern in ein Internat gesteckt. In Frankreich, 60 Kilometer südlich von Paris. In Fontainebleau. Fontainebleau ist eine wunderschöne kleine Stadt, mit einem herrlichen Schloss, eindrucksvollen Parkanlagen und der Wald ist weltberühmt. Weisse Birken in weissem Sand. Ein Traum! Doch nicht, wenn man sich hinter Internatsmauern befindet. Insbesondere nicht, wenn dieses Internat von ältlichen Fräuleins geleitet wird.

Ich erinnere mich sehr genau an Mademoiselle Lombard – ein große, stämmige Brunette und natürlich so kantig wie sich das für eine Französin gehört, die fast schon etwas von einem Transvestiten an sich hatte. Mächtig schritt sie über den Flur und knallte ihre Pömps mit jedem Auftreten auf den armen Boden, als wolle sie allen hörbar zeigen, dass sie aus einem härten Holz geschnitzt sei als das Parkett. Eine richtig furchteinflößende Person vor der ich höllischen Respekt hatte. Ihre beste Freundin allerdings war eher zart und klein. Sie trug ihr mausblondes, schütteres Haar immer auftoupiert und perfekt gekämmt. Allerdings konnte sie dadurch nicht verbergen, dass sie an Haarausfall litt. Die Kopfhaut glänzte bei jeder Bewegung durch den Filz trotzdem hindurch. Ich konnte sie nicht leiden und fühlte mich angewidert. Auf mich wirkte sie wie eine alte, leicht aufgedunsene schmutzige Puppe aus einem Horrorfilm, mit passendem Namen – LeBoeuf – der Ochse! Ganz besonders abstoßend fand ich ihr Eau de Cologne – stark alkoholische Bergamotte – es verfolgt mich noch heute. Wenn sie durch die Gänge lief hing der Duft noch ewig in der Luft. Die zwei waren ein Gespann wie gemacht für einen Film.

Auch unter Null kein Pardon

Es herrschten rauhe Sitten in diesem Mädchen Internat. Wir mussten alle Röcke oder Kleider tragen, darüber die Schuluniform. Das war ein blauer Kittel. Dazu nette Schühchen. Und das auch im dicksten Winter. In den Schulpausen wurden wir auf den Hof gejagt in die gesunde frische Luft. Selbst 2 Wollstrumpfhosen und dicke Schlüpfer haben die Blasenerkältungen nicht vermeiden können. Nun, ich hatte dennoch Glück, denn im 2. Winter durften wir Hosen tragen.

Diese mussten allerdings eine exakte, adrette Bügelfalte haben. Morgens, am Eingang in den Speisesaal wurde kontrolliert. Da standen dann Mademoiselle Lombard auf der linken Seite und Mademoiselle LeBoeuf auf der rechten Seite und prüften strengstens die Bügelfalten in den Hosen. Wehe diese Falten waren nicht 100% korrekt. Dann hies es zurück in den Schlafsaal und die Hosen richtig bügeln und auf das Frühstück verzichten.

Irgendwie fiel das in meine Zeit der Pubertät! Und ich war wütend! Ich wollte mir das nicht gefallen lassen und ich entschloss mich dazu mich dieser Schikane zu widersetzen. Nur wie? Davon hatte ich keine Ahnung. Aber ich wusste genau, ich werde hier etwas ändern. Das war klar. Nur wie?

Nachdem ich dann kurz auf „Heimaturlaub“ gefahren bin fiel mit die Lösung ein. Ich packte schnell restlos ALLE meine Kleider ein und nahm sie mit. Zuhause besorgte ich mir 3 Paar hauteng genähte Cordhosen, die so eng waren, dass ich sie gerade so mit ach und krach noch anziehen konnte. Dazu ein Paar warme Stiefel ein und einige Pullover. Mehr nicht! Innerlich bereitete ich mich auf das Donnerwetter vor, das mich am ersten Morgen an der Tür zum Frühstücksraum bei der Kontrolle erwarten würde. Sollte ich das wirklich tun? Ich war fast dabei meinen Koffer wieder umzupacken, doch mein Entschluss stand fest. Ich würde siegen, koste es was es wolle. Auf der ganzen Reise nach Frankreich klopfte mein Herz bis zum Hals und am liebsten wäre ich ausgebüxt. In der Nacht zuvor konnte ich nicht schlafen und ich dachte mich in Wut und Rage um hierdurch meinen Mut zu füttern. Wie ein Kämpfer für Gerechtigkeit stand ich am Morgen in der Schlange vor der Tür. Mademoiselle Lombard thronte wie gewohnt links und überprüfte die Bügelfalten der Mädchen sehr genau, Mademoiselle LeBoeuf stand auf der rechten Seite und vergewisserte sich, dass die Bügelfalten der Hosen in ihrer ganzen Länge korrekt waren und lies sich den oberen Teil zeigen, der unter dem Internatskittel verborgen war. An diesem ersten Morgen waren sie besonders streng, wahrscheinlich damit wir von Anfang an wissen wie der Hase läuft. Oh jeh, wie komme ich aus der Nummer raus? Einige Mädels sahen mich erschrocken an und gingen auf Abstand, andere kicherten. Die Luft wurde immer dicker und schließlich war ich an der Reihe. Da stand ich nun – trotzig und rotzig und so richtig auf Krawall gebürstet… ich sah wie Mademoiselle LeBoeuf noch blasser wurde als sie eh schon war und wie sie entsetzt und hilfesuchend Mademoiselle Lombard ansah…. was sollte sie tun? Beide starrten mich an und holten Luft, da rief ich kämpferisch – „Ich habe nichts anders mitgebracht!“ Mademoiselle Lombard, das Alphamädchen hielt kurz inne, dann winkte sie mich durch. Mit einem hörbaren Schnaufen blickte sie mir hinterher…. merkwürdig – sollte ich da so einen Anflug von Anerkennung in ihrem Blick erhascht haben? Nein, das konnte unmöglich sein. Später allerdings verriet mir meine private Französischlehrerin, die mich sehr mochte, dass sie zu ihr gesagt habe, dass ich es im Leben wohl mal sehr weit bringen würde.

SSSS Selective Sound Sensitivity Syndrom

SSSS – Selective Sound Sensitivity Syndrom – wer kennt es? Ich habe sogar SISS!

SSSS – Selective Sound Sensitivity Syndrom…

SSSSelective SSSSound SSSSensitivity SSSSyndrom… da ist dann jemand empfindlich gegen besondere Geräusche. Ja! Das ist ein Syndrom, mit anderen Worten eine Krankheit, na gut keine Krankheit aber zumindest ist es eine Störung. Und wirklich, bei diesem Syndrom fühlt sich jemand von einem speziellen Geräusch gestört. Oder sogar von mehreren speziellen Geräuschen. Also ich hab das, das SSSS! Wirklich! Ich fühle mich von bestimmten Geräuschen gestört. Vom Schmatzen zum Beispiel!

Wenn einem die Gabel in der Luft stehen bleibt

Es stört mich wenn jemand beim Essen schmatzt. Ha, und wie mich das stört. Ich finde das ekelhaft. Das macht mich krank -aber halt- nein! Es stört mich, weil ich das SSSS also das Selective Sound Sensitivity Syndrom habe, also fühle ich mich vom lauten Schmatzen eines Mitessers am Tisch oder am Nebentisch gestört weil ich krank bin. Es macht mich also nicht krank sondern es macht ich nur deshalb krank weil ich es schon bin… irgendwie verwirrend. Also wie auch immer, es stört mich, wenn jemand geräuschvoll isst. Neulich folgte ich einer Einladung. Ich hatte sowas wie ein Date. Wir hatten tolle Musik gehört und uns richtig gut unterhalten. Wir konnten tiefsinnige Gespräche führen über das, was wir so denken und was wir in unserem Leben noch so wollen. Wir beide strahlten um die Wette und es hat sich richtig gut angefühlt. Kurze Zeit später erhielt ich einen spontanen Anruf. „Magst du mit mir zum Essen gehen?“ Ja super! Das mag ich so gerne, in Gesellschaft gut essen! Jippie – er holt mich ab, ich springe in seinen Jeep und los geht es zum veganen Restaurant. Wow, der Mann hat auch Mitgefühl mit den Tieren, denke ich ganz beeindruckt. Wir haben bestellt und das Essen kam. Er nahm den ersten Bissen und kaute. Ich war gerade dabei meine Gabel zum Mund zu führen, da erstarrte ich und die Gabel bleib kurz vor meinem Mund in der Luft schweben.

Glänzender Erdbeermund ja, Spinatmund nein!

Ich fühlte mich so. als würde ich beim Spiel „FREEZE“ mitmachen. Ich erstarrte und sah ihn mit großen erschrockenen Augen an. Er lachte mich mit offenem Mund an, den speicheltriefenden, zerkauten Salat zwischen den Zähnen. Ich drehte mich verstohlen um und suchte nach einer versteckten Kamera, aber nein, leider war das hier kein Scherz. Nun hatte er heruntergeschluckt und er fuhr sich mit der Zunge laut und genüsslich rund um seinen Mund, die Lippen glänzten, trafen mit Popp geräuschvoll aufeinander und gingen mit einem Schmatz wieder auseinander. Er nahm den nächsten Bissen und rollte den Salat mit viel Sauerstoff zwischen den Kauwerkzeugen und Zunge hin und her. Dann nahm er einen Schluck aus seinem Glas und führte dem Gemisch nun noch wässrigen Stoff hinzu. Ein fettiger Lippenabdruck in verschiedenen Schattierungen von grün zierte dann das Glas. Also, die Gabel war noch immer vor meinem Mund, ich glaube ich lächelte auch noch immer, doch es war eingefroren. Also es ging dann so aus, dass ich schon etwas gegessen hatte, allerdings sehr Wortkarg geworden bin und den Mann nie wieder gesehen habe.. ausser auf Facebook.

Da rettet nur noch Beherrschung

Menschen, die am SSSSyndrom leiden, empfinden oft körperliche Schmerzen bei wiederholten Geräuschen die das Syndrom in ihnen hervorruft. Ja, es verging mir der Appetit, ich spürte Aggression in mir aufsteigen und meine gute Erziehung bewahrte mich davor, aus einem nun stillen Bewunderer einen offenen Feind gemacht zu haben.

Menschen, die an SSSS leiden, können oft nicht im gleichen Raum sein, in dem dieses Geräusch verursacht wird. Also das kenne ich auch. Ich konnte noch nie in einem Zimmer schlafen, wenn jemand schnarcht. Da kann ich nicht schlafen. Das raubt mir den Schlaf, das stört mich, das macht mich wahnsinnig, ich kann da nicht schlafen. Und nach ein paar schlaflosen Nächten fühle ich mich krank, aber halt! Das stört mich ja nur, weil ich ja schon krank bin, ich hab das Syndrom ja schon, also deshalb stört es mich, wenn jemand schnarcht. Also ich muss in meinem eigenen Raum schlafen, damit ich durch das Schnarchen nicht gestört werden, weil ich das SSSSyndrom habe.

Von so gut wie Allem genervt

Menschen mit SSSS fühlen sich von so Geräuschen gestört wie, lautes Kaugummi kauen, geräuschvolles Essen und Trinken, also durch schmatzen und schlürfen, sie fühlen sich davon gestört wenn jemand die Nase hochzieht, oder rumrotzt, wenn jemand mit den Füßen schlurft, mit den Fingern rhythmisch auf den Tisch trommelt oder vor sich hinsummt oder pfeift, auch Fernseh- und Computerspiel Geräusche können jemanden der an SSSS leidet ziemlich nerven.

Apropos Computerspielgeräusche. Da war ich doch neulich in München im Nagelstudio damit ich gepflegte Hände habe. Es ist ein Walk-in Laden und entsprechend viel los. Ich musste ein wenig warten und setzte mich auf die Fensterbank, auf der ein paar Kissen lagen. Vor mir saß die Mutter eines ca. 8 jährigen Jungen auf einem riesigen blauen Sessel und bekam eine Pediküre. Der Junge stand neben ihr und turnte an der Armlehne herum, bewegte sich hin und her und summte dazu gedankenverloren vor sich hin. Die Mutter unterhielt sich lautstark am Telefon darüber, dass sie ja gerne noch ihren Hund vorbei gebracht hätte, die Freundin aber nicht zuhause gewesen sei.. usw. usw. Da machte sich mein SSSS bemerkbar.

Schlampenlook fand ich mal gut, bis neulich

Irgendwie fand ich die Stimme ätzend. Sie war so eine Reibeisenstimme, schien geübt als würde sie oft auf einer Bühne eingesetzt und als sie dann lachte… wurde mir ganz anders. Uhhh, mit der Person möchte ich nix zu tun haben. Habe ich ja auch nicht, aber die Stimme verursachte mir Unbehagen. Dann war sie fertig mit dem Telefonieren. Sie konnte nun ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Jungen lenken. Da fiel ihr auf, dass ihr Junge ja an der Armlehne herumturnte. Sie fuhr ihn an: „Hör auf so rum zu hampeln, setz dich da rüber ans Fenster, hier hast du das Telefon, da kannst du ein bisschen spielen“. Der Junge nahm das Telefon und setzte sich neben mich auf die Fensterbank. Da begann die Mutter, sie wird so 35 sein, dunkle Haare, wirr hochgesteckt, ca. 170 bis 175  sehr schlank bis hager, die Füße und Hände grob-knochig, mit ihrer Thai, die ihre Füße bearbeitete, zu diskutieren. „Kurz schneiden, ganz kurz schneiden, das letzte Mal waren sie zu lang, da bin ich mit den Nägeln vorne an die Ski-Stiefel gekommen, ja, vorne, Ski-Siefel, SKI-STIEFEL, vorne, anstossen, anstossen, weh tun, STIEFEL, ahhh! Also kurz schneiden, ja?!“
Oh Gott, dacht ich mir, lenk dich bloß ab…. die ist ja nicht zum aushalten.

Der Schatz, die Thai, das Telefon und das Computerspiel

Gott sein Dank hat dann mein Telefon geklingelt und ich hatte ein sehr nettes Gespräch. Nach dem dieses beendet war, drängte sich ihre Stimme leider schon wieder in mein Bewusstsein. „Schatz, setze dich gerade, lehne dich mit dem Rücken an die Fensterscheibe, tu den Kopf nach oben, nicht nach unten, wenn du den Kopf nach unten tust, dann tut dir der Hals und der Kopf weh, nimm mal Mamas Tasche da weg, setzt dich mal mehr nach links, nach LINKS hab ich gesagt“. Und dann zu ihrer Thai: „Ganz dünn, ja ganz dünn, DÜNN! DÜ-ÜNN! Dünn! Letztes Mal war das zu dick! Also DÜNN ja?!“ Mein SSSS wurde immer stärker.

Die Dame auf dem hohen, blauen Sessel gab offensichtlich auf sich ihrer lächelnden Thai verständlich zu machen, denn es war kurz still. Ihr Junge hatte nun begonnen ein Beep peep bib pip grrkrrr Spiel zu spielen, worauf die Mutter sagte: „Schatz, mach das mal leiser das ist so laut, das stört die Leute“! Das fand ich auch, aber leider saß da auch noch eine wohlwollend lächelnde Gutfrau, die prompt mit Hab-Mich-Lieb!-Blick auf den Jungen sagte: „Das stört mich aber gar nicht!“ Woraufhin ich, mit SSSS geplagt, erschrocken sagte, „aber mich stört das sehr!“ Und der Junge erhörte mich und machte das Telefon leiser.

Es dauerte nicht lange und die Stimme aus dem Keller raunte bedrohlich in meine Richtung: „Also sowas, selber lautstark telefonieren, so dass alle mithören und dann meinem Kind sagen, dass es leise sein soll!“ Oh ha! Warum habe ich aber auch dieses verdammte SSSS. Es sollte mich doch nun wirklich nicht stören. Aber bevor es zu einem Streitgespräch kam ist ihr wahrscheinlich eingefallen, dass Sie ja selber telefoniert hatte. Das war gut so, denn ich hätte ihr das Argument entgegen geschleudert, dass ich mit meiner sanften, angenehmen Stimme wohl weniger störend wirke als sie mit ihrer versoffenen Raucherstimme die klingt als käme sie hinter der Mauer eines Lungensanatoriums hervor.

Gott sei Dank hab ich SSSS, ich habe also keine Schuld

Dann war ich endlich dran, aber ich konnte meine Aufmerksam nicht vom Trigger meines SSSS abziehen, das ist übrigens auch ein Symptom dafür. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit waren Mutter und Sohn dann soweit den Laden zu verlassen. Da hörte ich sie sagen: „Schatz, Mama muss schnell mal um die Ecke auf die Leopoldstrasse was besorgen, du kannst ja noch etwas hier sitzen bleiben und weiter spielen, ich hol dich dann gleich wieder ab!“ Oh, dachte ich, wie bitte? Sie möchte tatsächlich ihren Jungen hier parken? Na, keine der Thais hat was gesagt, wahrscheinlich weil keiner von ihnen Deutsch versteht. Und ich dachte noch gehässig, kein Wunder, die ist so unmöglich, die ist ganz sicher alleinerziehend. Das dachte ich aber nur, weil ich das SSSS habe. SSSS kann auch zu Aggressionen führen, gegen den Verursacher des „Selective Sound“. Aber dann hat die Mutter es sich anders überlegt. Sie nahm den Anorak und zog ihn dem Jungen an. Der Junge, immerhin so um die 8, wollte das aber selber machen und protestierte. Es gab eine Auseinandersetzung und die Mama sagte zu ihrem Jungen, der immerhin über eine Stunde in diesem ätzend riechenden, stinklangweiligen Nagelstudio geduldig auf seine Mutter gewartet hatte: „Es macht mir schon gar keinen Spaß mehr mit dir irgendetwas zu unternehmen!“

Und da war mit schlagartig klar, dass ich nicht nur das SSSSyindrom habe, sondern auch das SISS, das Selective Information Stress Syndrom. Mit anderen Worten, ich reagiere auch allergisch auf Dummheit in all ihren Formen der Äusserungen.