ILAPADELÄÄ

Ben und ich sitzen uns in der Metro gegenüber. Wir wollen zu Rosa Bonheur. Viele Menschen stehen eng gedrängt beieinander und schaukeln harmonisch im Rhythmus der Fahrt. Einige reden angeregt miteinander und versuchen den Lärm zu übertönen, andere schweigen. Manche schauen interessiert oder müde, fertig und verschlafen. Die Metro geht mit uns um die Kurven, Eisen auf Eisen kreischt. Obwohl ich die Funken nicht sehen kann, so sehe ich sie trotzdem in meinen Gedanken. Ein Fenster steht auf. Das Fahrgeräusch wird von der Tunnelwand zurückgeworfen und drängt in den Wagon. Es ist laut. Von irgendwo ist ein Geräusch zu hören, klingt wie ein schräger Housemusic sound. Oder nicht? Es erinnert doch eher an eine junge Krähe..

Ich blende das fremdartige Geräusch aus, betrachte Ben. Er scheint ein ewiges Lächeln im Gesicht zu haben. Ben ist Zirkus-Artist, Musiker, Sänger, Tänzer. Für mich ist er der geborene Clown, der auch im Schlaf ganz sicher noch das Clownslächeln weiterlebt, da bin ich mir ganz sicher. Ich erinnere mich an Dukes in Waikiki, wo wir das erste Mal die Tanzfläche leergefegt haben… nun bermerke ich das er irritiert schaut. Was hat er? Oh, nun fällt es mir auf, es ist dieses Geräusch, es wird mir wieder bewusst. Doch nun ist es viel lauter und näher gekommen.

Und dann sehe ich sie! In lange, schmutzige Kleider gepackt, den Kopf halb mit einem dunklen braunen Tuch bedeckt, bahnt sich die kräftige, junge Roma ihren Weg im Schneckentempo stoisch durch die Menge. Mit einer nervenden Regelmäßigkeit, die an das ätzende Tropfen eines Wasserhahnes in der Nacht erinnert, tönt sie krächzend: ILAPADELÄÄÄ —- ILAPADELÄÄÄ – ILAPADELÄÄÄ ! Ilapadelä kommt immer näher zu uns. In ihrer rechten schmutzigen Hand hält sie einen zerflederten Pappbecher, den sie den Leuten aufdringlich entgegenstreckt. Auf dem linken Arm trägt sie einen unverkennbar männlichen, pausbackigen, kräftigen Säugling, der genau so stoisch schaut, wie sie. Der Blick beider gleicht sich auf erschreckende Weise. Er ist leer! Ausdruckslos….. In regelmäßigen Abständen bleibt sie stehen, nimmt ihre rechte Hand, in der sich der Becher befindet und streichelt, vermeintlich zärtlich, mit den freien Fingern über das Gesicht des Jungen, sieht ihn mit ihrem leeren Blick an, richtet dann ihren leeren Blick in Richtung Fahrgäste und tönt: ILAPADELÄ — ILAPADELÄ! Ach so, nun verstehe ich auch was sie sagt: Il n´a pas de lait! Er hat keine Milch….

Auf dem Weg durch den Park zu Rosa Bonheur geht mir Ilapadeläää nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein Ohrwurm hat es sich eingefressen. Was soll ich nur tun um das wieder los zu werden. Ich bitte Ben darum einen Song daraus zu machen. Ich versuche es acapella dem Rythmus meiner Schritte an zu passen. Nichts hilft. Es wird zu einem Fuchsbandwurm… Im Park legen wir uns in die Sonne. Ben liegt im Schatten. Seit sein Bruder an Hautkrebs gestorben ist hält er sich nur noch im Schatten auf. Nie in der Sonne, auch nicht auf Hawaii. Ich bin eingeschlafen. Noch im Aufwachen klingt es wieder in meinem Kopf, Ilapdeläääää, wobei das ääääää immer länger und lauter wird. Ich beschließe es auf zuschreiben und sofort bekommt es eine andere Qualität. If live gives you lemon, make Lemonade…