Und urplötzlich möchte ich sie sein. ….eine hochgewachsene, kantige, hagere Parisienne, dunkelhaarig, mit ausgeprägten Wangenknochen, vollen Lippen und operierter Nase. Sie lebt auf dem Boulevard St. Michelle im 5. Stock in einer 450 qm Wohnung mit Blick über die Seine und auf Notre Dame. Über ihr, im Dachgeschoss ist das Hausmeisterehepaar, Mme et M. Jablon, untergebracht und ihre 3 Aupairs für ihre 2 Kinder Colette et Alain. Sie haben den Auftrag mit den beiden jeweils ihre Muttersprache zu sprechen. Englisch, Spanisch und Russisch. Jeden Morgen öffnet Sie die Glastüren zum Boulevard um auf dem meterlangen Balkon vor den schwarzen, schmiedeeisernen Geländern Platz zu nehmen.

 

Natürlich rauche ich! Mein duftender Café steht neben mir. Heute werden die neuen Werke des „noch“ unbekannten Künstlers aus New York angeliefert. Bei meiner letzten Reise habe ich ihn entdeckt – Neo! Welche Begabung! Merveilleus! Mais oui! Bien sur ist er einer meiner Liebhaber! Einige Gemälde sind so groß, dass sie nur über eine Feuerwehrleiter durch die Balkontür passen. Am kommenden Weekend ist die Vernissage. Hierzu erwarte ich die ganze Haute Volé de Paris und Nizza. Dort verbringe ich die Sommer, wenn es in Paris zu heiss ist.

Nachdenklich betrachte ich das Ambiente. Die Räume wurden vom bekanntesten Innenarchitekten Frankreichs speziell zu diesem Ereignis umgestaltet. Meine Gedanke schweifen zurück. Er und sein langjähriger Geliebter haben erst kürzlich geheiratet. Das Fest wurde in einem der Seitenflügel des Louvre gefeiert. Diniert haben wir im Jardin des Tulleries in der Rue Rivolie. Der Bereich war mit Eisengittern abgeriegelt. Vor jedem dieser stand ein dunkelhäutiger, muskulöser Bodyguard. Alle in glänzenden, schwarzen Maßanzügen. Einer attraktiver als der andere. Es war schwer das Ende des Essens ab zu warten. DJ Des Monds heizte uns mit House und R&B ein. Der Vollmond stand hell über dem Louvre, der Tour Eiffel war beleuchtet, glitzerte in verschiedenen Farben und Rhythmen. Der Abend war perfekt.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, erhebe mich von meinem bequemen Balkonstuhl, schreite über das Parkett zu meinem Schreibtisch. Jeder meiner Schritte macht klack-klack, einzelne der honigfarbenen Holzbalken stöhnen. Ich hole mir das ledergebundene Album.

Genüsslich schlage ich meine wohlgeformten, langen Beine übereinander.

Ich trage Schwarz! Schwarze Strümpfe, hochhackige Schuhe, eine kurzen Rock; und selbstverständlich niemals Hosen. Mein Blick schweift über Paris und ich genieße die Atmosphäre. Ein Bus voller Touristen steckt im Verkehr der sich langsam nach vorne quält. Ein Fahrgast entdeckt mich, schubst seine Freundin an. Sie blickt nach oben und beide zeigen mir ihre Zähne. Ich lache zurück und winke. Nun werde ich fotografiert. Ach, wie wundervoll kann das Leben doch sein! Auch andere sehen nach oben. Von manchen nehme ich Bewunderung wahr, von anderen wiederum Neid.

Und dort entdecke ich auch Annette. Und ich spüre ganz genau, dass sie sich gerade vorstellt, wie es wäre ich zu sein. Sie hat Gänsehaut……. speziell bei dem Gedanken den Aufzug zu betreten, mit dem ich jeden Tag nach unten und oben fahre. Sie kann das Eisen riechen, das im Jugendstil geschmiedet einen Käfig um die Kabine bildet. Sie kann hören, wie das Schiebetor die einzelnen Elemente heftig aneinander schlägt, so dass es kurzzeitig ein metallisches Scheppern gibt, welches das Ohr schmerzt. Sie stellt sich vor die Plattform zu betreten, den kalten Gittergriff zu fassen und mit einem kräftigen Schwung das Tor zu schließen und auf den am meisten abgenutzten Knopf aus Schellack zu drücken. Mit einem kurzen Ruck nach oben rattert die Kabine gemächlich herab. Das Abwärts klingt rhythmisch, musikalisch. Durch die Gitter hindurch kann sie das Treppenhaus sehen, das hölzerne Geländer. Jede einzelne Etage hat ihren eigenen Geruch. Dort wo Françoise mit ihrer jetzigen rothaarigen Freundin Rachèle lebt ist ein Hauch von japanischem Räucherwerk wahrnehmbar. Weiter unten hängt unverkennbar das Rasierwasser von M. Frenkel in der Luft. Sein Schäferhund bellt. Les Berger Allemands sind in Paris ganz besonders chique. Machmal mischt sich auch der Duft seiner jeweiligen Geliebten mit dem seinen. Düfte können verräterisch sein. Annette kann daran erkennen, ob M. Frenkel aus dem Hause gegangen ist, oder zurückkam. Ging er aus, dann überlagert sein frisch aufgetragenes Parfum den Geruch seiner Antiquitäten, der sich im Haus verteilt, wenn er seine Tür öffnet. Kam er zurück, dann mischte sich der Geruch von Knoblauch und Wein dazu.


Kurz bevor der Ascenseur anhält gibt es wieder einen kurzen Ruck, Annette spürt ihn deutlich im Magen. Auf dieses Gefühl hat sie schon gewartet. Sie erwartet es jedes mal. Sie öffnet die Kabine, betritt das Treppenhaus. Die Kühle der Steine umgibt sie. Die Absätze ihrer Schuhe machen einen ohrenbetäubenden Lärm, sonst ist nichts zu hören. Sie geht zum Ausgang, fasst den geschwungenen Messinggriff und zieht die endlos schwere, geschnitzte Holztüre zu sich. Sie muss sich anstrengen. Mit der linken Schulter hält sie die massive Tür auf und schlängelt sich durch die Öffnung. Ganz kurz bleibt sie stehen. Das Holz fällt mit einem dumpfen Schlag hinter ihr ins Schloss. Sie fühlt den Hall im Rückrad. Dann wird sie sich der Hitze der Straße bewusst. Die Gerüche und der Lärm des Boulevards St. Michelle fangen sie ein, Paris umarmt sie. Gänsehaut……